Ruhr-Universität Bochum
Fakultät für Sozialwissenschaft
Vertiefungsseminar: Lernen in Organisationen
Ergebnisprotokoll der Sitzung vom 09.11.1999
Thema der Sitzung: Advocacy-Koalitionen I
In der ersten Stunde des Seminars wurde eine Tabelle zusammengetragen
mit dem Ziel, Kriterien auszuwählen, welche für Lernen in drei
unterschiedlichen Organisationstypen von besonderer Bedeutung sein können.
| Unternehmen |
Verwaltung |
Organisierte Interessen |
|
_ formal eher hierarchisch
und abgeflacht
|
_ hierarchisch und zentralistisch
|
_
formal demokratisch |
|
_ auf der unteren Ebene
besteht kaum eine Exit-Option und nur eine sehr schwache Voice-Option
|
_ keine Exit-Option und
nur sehr schwache Voice-Option
|
_ Exit- und Voice-Option
der Mitglieder (freiwillige Mitgliedschaft)
|
|
_ meistens eigene Zielbestimmung
|
_ externe Ziel- und Produktbestimmung
(z.B. aus der Politik und von Unternehmen)
|
_
eigene Zielbestimmung |
|
_ p-Macht ( jedoch Wandel
der Ideale beobachtbar)
|
_
s-Macht |
_
s-Macht / p-Macht |
Das Seminar stellte fest, daß sich Bürokratisierung nicht
optimal in diese Tabelle fassen läßt und u.a. wurden zwei Hypothesen
aufgestellt:
-
Je größer die Voice-Option in einer Organisation ist, desto
mehr findet auch Lernen statt. Wobei allerdings der Zeithorizont beachtet
werden muß, welcher z.T. 10 Jahre betragen kann.
-
Wenn eine starke Bürokratisierung vorherrscht, dann ist die
Fähigkeit zu lernen gering.
In der zweiten Stunde des Seminars wurde dann auf den Text von Paul
A. Sabatier eingegangen, der sich mit der Frage des Lernbegriffs befaßt
und die Veränderung von Politikergebnissen zu erklären sucht.
Sabatier ging in seiner Arbeit inhaltsanalytisch vor und verwendete schriftliche
Stellungnahmen von Politikern, die er codierte und standardisierte. Hierbei
unterschied Herr Bandelow die unterschiedliche Annäherungsweise von
Politikwissenschaft und Sozialpsychologie an diese Thematik.
-
Politikwissenschaft: Man betrachtet vorwiegend die Außenwelt
und deren Wirkung auf die Einstellungen bzw. Überzeugungen von Politikern,
wobei man sich vom Rational-Choice-Modell weg bewegt (s. Sabatier).
-
Sozialpsychologie: Lernen wird mit der Erreichung von Zielen
assoziiert, was eine normative Bewertung von Lernen ermöglicht.
Abschließend stellte uns Dietrich Plath den "Policy-Cycle"
der Konzeption der Phasenheuristik vor. Das Modell arbeitete mit klassisch
rationalistischen Methoden und versuchte nicht nur Lernen zu erklären,
sondern auch auf Probleme bei der Umsetzung von Politik aufmerksam zu machen.
Sabatier kritisierte diesen Ansatz und entwarf als Antwort ein eigenes
Modell, welches Lernen mit Überzeugungen verknüpfte, wobei er
zwischen sekundären Aspekten, die sich wandeln ließen und einem
Policy-Kern, der quasi unverändert bleibt, unterschied (®
Modell des "Belief-Systems").
Literaturgrundlage:
Paul A. Sabatier, "Advovacy-Koalitionen, Policy-Wandel und Policy-Lernen:
Eine Alternative zur Phasenheuristik" aus Policy-Analyse, Kritik und
Neuorientierung; Hrsg. Adrienne Héritier (24/1993, Politische
Vierteljahresschrift (PVS), Westdeutscher Verlag, 1993), Textausschnitt,
Readerseiten 75-89.
Für
das Protokoll: Stefan Nees