Stichworte
zum Text von Ernst Fraenkel (Nils Bandelow, WS 2001/02)
Zum zeitlichen Kontext des Textes (Bundesrepublik Deutschland von
1964)
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stabiles Drei-Parteien-System mit ungebrochener Führung durch die
Union (1949-1963 Kanzlerschaft von Konrad Adenauer, seit 1963 (bis 1966)
Kanzlerschaft Ludwig Erhards)
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Wirtschaftsboom
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Wirkung der gescheiterten Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und
des Ergebnisses des 2. Weltkriegs auf die Verfassungsideologie/Verfassungsgepflogenheiten
Zur Person Ernst Fraenkel
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sozialdemokratischer Rechtsanwalt und Politologe (1898-1975)
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Antifaschist (1938 Emigration in die USA)
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Antikommunist (1944 bis 1951 juristischer und militärischer Berater
der USA im Koreakonflikt, in den 1960er-Jahren Konflikte mit der marxistisch
orientierten Studentenbewegung)
Begriff (Neo-)Pluralismus
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Es gibt den Begriff "Pluralismus" in zwei Verwendungszusammenhängen:
Zum einen Pluralismus als gesellschaftliches Steuerungsmodell (so Fraenkel),
zum anderen als Bezeichung für eine idealtypische Form der Organisation
von Verbänden und der Beziehungen zwischen Staat und Verbänden
(in Abgrenzung zu Korporatismus und Syndikalismus, etwa bei Schmitter oder
Lehmbruch)
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"Der Pluralismus ist die Staatstheorie des Reformismus. Er lehnt implizit
die These ab, daß der Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit, dessen
Existenz er nicht in Zweifel zieht, mit geschichtlicher Notwendigkeit dazu
führen muß, daß er in der klassenlosen Gesellschaft ‘aufgehoben’
wird. Der Pluralismus erblickt in diesem Antagonismus vielmehr eine besonders
markante und politisch überragend bedeutsame Erscheinungsform einer
die gesamte industriele Massengesellschaft durchziehenden Kette von Interessengegesätzen,
die nur dann nicht zur Desintegration von Staat und Gesellschaft zu führen
geeignet sind, wenn den Verbänden nicht verwehrt ist, sie offen auszutragen
und dem Staat die Möglichkeit gewährt ist, bei ihrer - sei es
kurzfristigen, sei es langfristigen, sei es kontinuierlichen - Schlichtung
mitzuwirken." (Ernst Fraenkel in: Reformismus und Pluralismus, Hamburg
1973, S. 27, 426f.)
Tabelle: Verfassungsbegriffe und ideengeschichtliche Einordnung
von Elementen der bundesdeutschen Verfassung (1964) bei Fraenkel
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Verfassungselemente englischen Ursprungs (konfliktorientiert,
Akzeptanz unterschiedlicher Interessen) – entspricht bei Fraenkel der Konkurrenztheorie
der Demokratie
(consensus omnium nur in Bezug auf ein Minimum der Verfahrens- und Verhaltensregeln)
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Verfassungselemente französischen Ursprungs (Vorstellung
einer unteilbaren volonté générale, im Extremfall
direkte Demokratie) – entspricht bei Fraenkel klassischen Demokratietheorie
(Rousseau,
Robespierre – von Fraenkel kritisert)
(automatischer breiter consensus omnium als vorgegebener Volkswille)
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Verfassungsnormen/Verfassungsrecht: Verfassung im engeren
juristischen Sinn
Verfassungssoziologie: Verfassungsrechtsordnung im weiteren Sinn,
inklusive der Deutung der Verfassung in der allgemeinen Rechtsordnung
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Verfassungsusancen: Verfassungsgepflogenheiten, Verfassungsrealitäten
Verfassungsideologie: Vorstellungen in öffentlicher Meinung
und Politikwissenschaft von politischen Strukturen und Gebräuchen,
die den Zielen der Verfassung (Demokratie) entsprechen
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Fraenkels Politikbegriff
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wertrational, normativ
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konfliktorientiert
Fragestellung des Fraenkel-Textes
implizite allgemeine Fragestellung:
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An welchen Strukturdefekten leidet die bundesdeutsche Demokratie (von 1964)
und wie können diese Strukturdefekte überwunden werden?
explizite (konkrete) Fragen (S. 101):
"1. ob die vorherrschende Verfassungsideologie auch nur einigermaßen
mit der Verfassungssoziologie kongruent ist, wie sie bei Anwendung der
von Rechts wegen geltenden Verfassungsnormen und bei Handhabung der prater
constitutionem wirksamen Verfassungsusancen in Erscheinung tritt;
2. ob diese Verfassungssoziologie den Anforderungen gerecht wird, die
unter den obwaltenden Verhältnissen als die optimale Verwirklichung
des Postulats einer freiheitlichen sozial-rechtsstaatlichen Demokratie
angesehen werden kann."
Methodisches Vorgehen von Fraenkel
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historische Herangehensweise
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Ausgangspunkt: Ideales Modell (normative Fundierung), dann Konfrontation
mit der Realität, Ziel: Entwicklung von Reformvorschlägen (nicht:
"wenn-dann"-Aussagen)
Zentrale These des Textes
Trotz einem (formal-rechtlich) "glänzend funktionierenden demokratischen
Regierungssystem" (S. 100) weist die Demokratie der Bundesrepublik Deutschland
Strukturdefekte auf. Diese beruhen nicht auf den Verfassungsnormen (Grundgesetz)
sondern auf den Verfassungsgepflogenheiten. In der politischen Realitit
ist der Pluralismus unterentwickelt. Gemessen an einer modernen Konkurrenztheorie
der Demokratie mangelt es an einer "Politisierung" von Wählern und
an inhaltlichen Konflikten zwischen den Parteien und Interessengruppen.
Während also die Verfassungstheorie und deren institutionelle Umgestaltung
(Verfassungssoziologie, Verfassungsnormen) der von Fraenkel geteilten Konkurrenztheorie
der Demokratie entsprechen, finden sich in der Realität der deutschen
Demokratie (Verfassungsideologie, Verfassungsgepflogenheiten) Elemente,
die der von Fraenkel abgelehnten französischen Konsenstheorie der
Demokratie entsprechen. Die Verfassungsideologie orientiert sich an der
unrealistischen französischen Vorstellung eines einheitlichen Volkswillens.
Fraenkel kritisiert konkret, dass in der Demokratie der BRD die Differenz
der Meinungen fehlt - alle schwimmen mit, Wahlen sind Schönheitswettbewerb,
es gibt keine Alternativen mehr (autokratischer Massenstaat).
Zusammenhang von Interesse und Gemeinwohl bei Fraenkel
Interesse: Gruppeninteresse
Gemeinwohl: "Resultante, die sich jeweils aus dem Parallelogramm
der ökonomischen, sozialen, politischen und ideologischen Kräfte
einer Nation ergibt." (E. Fraenkel in: Reformismus und Pluralismus, Hamburg
1973, 42) - Das Gemeinwohl entsteht somit aus dem Mit- und Gegeneinander
von Einzelinteressen autonomer Gruppen
Staatszweck und Struktur eines idealen Staates nach Fraenkel
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Staatszweck: Verwirklichung eines a-posteriori bestimmten Gemeinwohls;
die konkrete Aufgabe des Staates liegt dabei darin, die Voraussetzungen
für ein freies Spiel der gesellschaftlichen Interessen zu schaffen
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Staatsstruktur: Vorgabe eines anerkannten Wertekodex, innerhalb
dieses Kodexes freie Entfaltung des Kräfteparallelogramms der Interessengruppen
Inwiefern trifft die Kritik Fraenkels auf die heutige Bundesrepublik
zu?
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Wahlen sind immer noch Beauty-Contest, das politische Engagement der Bevölkerung
ist noch gering, gerade im EU-Mehrebenensystem fehlt es an politischem
Engagement und den dafür notwendigen Bedingungen (z. B. Parteiensystem)
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aber: mit der deutschen Vereinigung verändertes Verhältnis zur
Vergangenheit, das Parteiensystem ist flexibler geworden
Allgemeine Bewertung der Thesen von Fraenkel
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Fraenkels Analyse zeigt tatschächliche, auch heute noch relevante
Mängel der demokratischen Realität in Deutschland auf
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Fraenkels theoretischer Zugang ist in Bezug auf seinen Anspruch und seine
Voraussetzungen im Menschenbild vergleichsweise bescheiden (also in jedem
Fall realistisch). Sein Verständnis des Pluralismus kann dazu dienen,
Diktaturen zu vermeiden.
aber:
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Die Annahme gleicher Beteiligungschancen aller Gruppen an der Willensbildung
in einem modernen bürgerlichen Staat ist fraglich (vgl. nachfolgenden
Text von Olson).
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Die negative Bewertung der Konsensdemokratie ist weder ideengeschichtlich
unstrittig noch empirisch unbestritten tragfähig.
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Unklar ist auch, inwiefern die britische Konkurrenzdemokratie tatsächlich
das historische Vorbild für die deutsche Verfassung war (die im Gegensatz
zum britischen Regierungssystem vertikale und horizontale Elemente der
Beschränkung absoluter (temporärer) Macht enthält und dabei
auch an deutsche Traditionen anknüpft.
Bezüge des Textes zu Methoden oder Aussagen der Klassiker
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Ähnlichkeit zu Webers und Hobbes‘ konfliktorientiertem Politikbegriff,
aber keine werturteilsfreie (Weber) bzw. technische (Hobbes) sondern explizit
normative Vorgehensweise
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Fraenkels Vorstellung allgemein akzeptierter Verfahrensregeln als Grundlage
für eine funktionierende Konkurrenzdemokratie kann als Entsprechung
zum Idealtypus der legalen Herrschaft bei Weber gesehen werden (vgl. S.
111 oben)
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Gegensatz zu Aristoteles‘ konsensoriertem Politikbegriff, aber wie Aristoteles
wertrationaler Politikbegriff
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Gegensatz zu Rousseau, dessen Vorstellung einer volonté générale
abgelehnt wird
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Wie bei Madison Ablehnung einer volonté générale,
aber: Orientierung Fraenkels am britischen (nicht US-amerikanischen) Vorbild,
d. h. Interessenausgleich bei Fraenkel durch intertemporäre Gewaltenteilung
und Parteienkonkurrenz, bei Madison durch horizontale und vertikale Gewaltenteilung
und Institutionenkonkurrenz
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Im Gegensatz zu Marx und Engels keine historisch begründete unterschiedliche
Einordnung verschiedener gesellschaftlicher bzw. ökonomischer Interessen,
sondern (formal-technisch) gleiche Wertung aller Interessen, bei Fraenkel
auch implizit Akzeptanz von Herrschaft unabhängig von der historischen
Entwicklungsphase
Literaturtipps zu Ernst Fraenkel
Ballestrem, Karl Graf 1988: Klassische Demokratietheorie - Konstrukt
oder Wirklichkeit? In: Zeitschrift für Politik, 35. Jg., Nr. 1, S.
33-56.
Buchstein Hubertus 1992: Politikwissenschaft und Demokratie. Wissenschaftskonzeption
und Demokratietheorie sozialdemokratischer Nachkriegspolitologien in Berlin.
Baden-Baden: Nomos.
Doeker, Günther/Steffani, Winfried (Hrsg.) 1973: Klassenjustiz
und Pluralismus. Festschrift für Ernst Fraenkel zum 75. Geburtstag
am 26. Dezember 1973. Hamburg: Hoffman und Campe (Sowi-Bibl.: B2E-157)
Eisfeld, Rainer 1973: Pluralismus zwischen Liberalismus und Sozialismus.
Stuttgart u.a.
Fraenkel, Ernst 1973: Reformismus und Pluralismus. Hamburg: Hoffman
und Campe. (Sowi-Bibl.: Q2-1935)
Fraenkel, Ernst, 1999 ff.; Gesammelte Schriften. Sieben Bände,
hrsgg. von Brünneck, Alexander von/Buchstein, Hubertus/Göhler,
Gerhard. Baden-Baden: Nomos.
Oberreuter, Heinrich (Hrsg.) 1980: Pluralismus. Grundlegung und Diskussion.
UTB 925. Opladen: Leske + Budrich. (UB: DLA2049)
Schubert, Klaus 1995: Pluralismus versus Korporatismus, in: Nohlen,
Dieter/Schultze, Rainer-Olaf (Hrsg.): Politische Theorien. Lexikon der
Politik Band 1. München: Beck, 407-423.
Ernst Fraenkel im Internet:
http://www.obing.de/zenz/hzfraenk.htm (Ich bin nicht für den Inhalt
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