Stichworte zum Text von Ernst Fraenkel (Nils Bandelow, WS 2001/02)
 

Zum zeitlichen Kontext des Textes (Bundesrepublik Deutschland von 1964)

Zur Person Ernst Fraenkel


Begriff (Neo-)Pluralismus


Tabelle: Verfassungsbegriffe und ideengeschichtliche Einordnung von Elementen der bundesdeutschen Verfassung (1964) bei Fraenkel
 
Verfassungselemente englischen Ursprungs (konfliktorientiert, Akzeptanz unterschiedlicher Interessen) – entspricht bei Fraenkel der Konkurrenztheorie der Demokratie

(consensus omnium nur in Bezug auf ein Minimum der Verfahrens- und Verhaltensregeln)

Verfassungselemente französischen Ursprungs (Vorstellung einer unteilbaren volonté générale, im Extremfall direkte Demokratie) – entspricht bei Fraenkel klassischen Demokratietheorie (Rousseau, Robespierre – von Fraenkel kritisert)

(automatischer breiter consensus omnium als vorgegebener Volkswille)

Verfassungsnormen/Verfassungsrecht: Verfassung im engeren juristischen Sinn

Verfassungssoziologie: Verfassungsrechtsordnung im weiteren Sinn, inklusive der Deutung der Verfassung in der allgemeinen Rechtsordnung

 
Verfassungsusancen: Verfassungsgepflogenheiten, Verfassungsrealitäten

Verfassungsideologie: Vorstellungen in öffentlicher Meinung und Politikwissenschaft von politischen Strukturen und Gebräuchen, die den Zielen der Verfassung (Demokratie) entsprechen

 

Fraenkels Politikbegriff


Fragestellung des Fraenkel-Textes

implizite allgemeine Fragestellung:

explizite (konkrete) Fragen (S. 101):

"1. ob die vorherrschende Verfassungsideologie auch nur einigermaßen mit der Verfassungssoziologie kongruent ist, wie sie bei Anwendung der von Rechts wegen geltenden Verfassungsnormen und bei Handhabung der prater constitutionem wirksamen Verfassungsusancen in Erscheinung tritt;

2. ob diese Verfassungssoziologie den Anforderungen gerecht wird, die unter den obwaltenden Verhältnissen als die optimale Verwirklichung des Postulats einer freiheitlichen sozial-rechtsstaatlichen Demokratie angesehen werden kann."
 
 

Methodisches Vorgehen von Fraenkel


Zentrale These des Textes

Trotz einem (formal-rechtlich) "glänzend funktionierenden demokratischen Regierungssystem" (S. 100) weist die Demokratie der Bundesrepublik Deutschland Strukturdefekte auf. Diese beruhen nicht auf den Verfassungsnormen (Grundgesetz) sondern auf den Verfassungsgepflogenheiten. In der politischen Realitit ist der Pluralismus unterentwickelt. Gemessen an einer modernen Konkurrenztheorie der Demokratie mangelt es an einer "Politisierung" von Wählern und an inhaltlichen Konflikten zwischen den Parteien und Interessengruppen.

Während also die Verfassungstheorie und deren institutionelle Umgestaltung (Verfassungssoziologie, Verfassungsnormen) der von Fraenkel geteilten Konkurrenztheorie der Demokratie entsprechen, finden sich in der Realität der deutschen Demokratie (Verfassungsideologie, Verfassungsgepflogenheiten) Elemente, die der von Fraenkel abgelehnten französischen Konsenstheorie der Demokratie entsprechen. Die Verfassungsideologie orientiert sich an der unrealistischen französischen Vorstellung eines einheitlichen Volkswillens.

Fraenkel kritisiert konkret, dass in der Demokratie der BRD die Differenz der Meinungen fehlt - alle schwimmen mit, Wahlen sind Schönheitswettbewerb, es gibt keine Alternativen mehr (autokratischer Massenstaat).
 
 

Zusammenhang von Interesse und Gemeinwohl bei Fraenkel

  • Interesse: Gruppeninteresse
  • Gemeinwohl: "Resultante, die sich jeweils aus dem Parallelogramm der ökonomischen, sozialen, politischen und ideologischen Kräfte einer Nation ergibt." (E. Fraenkel in: Reformismus und Pluralismus, Hamburg 1973, 42) - Das Gemeinwohl entsteht somit aus dem Mit- und Gegeneinander von Einzelinteressen autonomer Gruppen
  • Staatszweck und Struktur eines idealen Staates nach Fraenkel Inwiefern trifft die Kritik Fraenkels auf die heutige Bundesrepublik zu? Allgemeine Bewertung der Thesen von Fraenkel aber:


    Bezüge des Textes zu Methoden oder Aussagen der Klassiker


    Literaturtipps zu Ernst Fraenkel

    Ballestrem, Karl Graf 1988: Klassische Demokratietheorie - Konstrukt oder Wirklichkeit? In: Zeitschrift für Politik, 35. Jg., Nr. 1, S. 33-56.

    Buchstein Hubertus 1992: Politikwissenschaft und Demokratie. Wissenschaftskonzeption und Demokratietheorie sozialdemokratischer Nachkriegspolitologien in Berlin. Baden-Baden: Nomos.

    Doeker, Günther/Steffani, Winfried (Hrsg.) 1973: Klassenjustiz und Pluralismus. Festschrift für Ernst Fraenkel zum 75. Geburtstag am 26. Dezember 1973. Hamburg: Hoffman und Campe (Sowi-Bibl.: B2E-157)

    Eisfeld, Rainer 1973: Pluralismus zwischen Liberalismus und Sozialismus. Stuttgart u.a.

    Fraenkel, Ernst 1973: Reformismus und Pluralismus. Hamburg: Hoffman und Campe. (Sowi-Bibl.: Q2-1935)

    Fraenkel, Ernst, 1999 ff.; Gesammelte Schriften. Sieben Bände, hrsgg. von Brünneck, Alexander von/Buchstein, Hubertus/Göhler, Gerhard. Baden-Baden: Nomos.

    Oberreuter, Heinrich (Hrsg.) 1980: Pluralismus. Grundlegung und Diskussion. UTB 925. Opladen: Leske + Budrich. (UB: DLA2049)

    Schubert, Klaus 1995: Pluralismus versus Korporatismus, in: Nohlen, Dieter/Schultze, Rainer-Olaf (Hrsg.): Politische Theorien. Lexikon der Politik Band 1. München: Beck, 407-423.

    Ernst Fraenkel im Internet: http://www.obing.de/zenz/hzfraenk.htm (Ich bin nicht für den Inhalt dieser externen Seite verantwortlich)