Stichworte zum Textausschnitt von Peter Graf Kielmansegg
Nils Bandelow, Unterlagen zur Übung: Einführung in die Politikwissenschaft, WiSe 2002/2003
 

Bild von Kielmansegg

Wissenschaftlicher und politischer Hintergrund des Textes von Kielmansegg

Fragestellung des Textes

"Mit welchen guten, zustimmungsfähigen Gründen läßt sich rechtfertigen, daß die Europäische Union Rechtssetzungsmacht über mehr als 360 Millionen Bürger ausübt?" (S. 178 im Reader) bzw. später konkretisiert/eingeschränkt: "Wie aber sieht eine zustimmungsfähige Verfassung der Europäischen Union aus?" (S. 181 im Reader)

Methodisches Vorgehen von Kielmansegg

Zentrale These des Textes

Die Europäische Union verfügt nicht über die Voraussetzungen einer kollektiven Identität, die bei demokratischen Nationalstaaten üblicherweise vorhanden ist. Eine allgemeine (diffuse) Unterstützung (Legitimität) wird die EU daher auch durch ausgeklügelte Verfassungsstrukturen vorläufig nicht erreichen können. Sie wird zumindest auf absehbare Zeit in besonderem Maß auf spezifische Unterstützungen angewiesen sein. Europäische Institutionen müssen daher immer wieder im Einzelfall verdeutlichen, dass ihre Entscheidungen für die verschiedenen Interessengruppen und Völker von Vorteil sind.

Politikbegriff von Kielmansegg

Staatsszweck und Struktur eines idealen Staates nach Kielmansegg Zusammenhang von Interesse und Gemeinwohl bei Kielmansegg

Kielmansegg arbeitet nicht explizit mit den Begriffen Interesse und Gemeinwohl. Implizit spielt der Gegensatz aber auch für seinen Aufsatz eine zentrale Rolle. Der implizite Interessenbegriff ist dabei mehrdimensional: Interessen können Individualinteressen sein oder Interessen von "Völkern". Zum Teil bezieht sich der Text auch auf Gruppeninteressen, etwa auf organisierte ökonomische Interessen.

Kielmansegg präferiert eine Input-Perspektive bei seinem Gemeinwohlverständnis: Bezieht man die Forderung nach Gemeinwohl auf die im Text behandelte Frage der Legitimität, dann gilt folgendes: Legitimität können politische Systeme unter anderem durch demokratische Strukturen erhöhen. Demokratie heißt bei Kielmansegg, dass eine vom gesamten "Demos" bei gemeinsamen Wahlen ausgesprochene Zustimmung erfolgen muss (das ist für ihn die zentrale Voraussetzung für eine diffuse Unterstützung der Systeme). Diese Wahlen müssen auf Grundlage eines auf die jeweiligen Herrschaftsstrukturen ausgerichteten Wettbewerbs erfolgen und die Zustimmung zu den dadurch legitimierten Entscheidungen muss grundsätzlich umkehrbar sein. Wenn eine derartige Input-Legitimität nicht erreicht werden kann, sind politische Institutionen allerdings darauf angewiesen, sich eine Output-Legitimität zu sichern: Sie müssen sich so verhalten, dass die Ergebnisse ihres Verhaltens Zustimmung bei einzelnen Interessengruppen erzeugen (was dann faktisch "spezifische Unterstützung" heißen würde, vgl. zu den Begriffen Reader S. 181).
 

Mögliche Kritik an Kielmansegg