Stichworte zum Textausschnitt
von Mancur Olson
Nils Bandelow, Unterlagen zur Übung: Einführung in die Politikwissenschaft,
WiSe 2002/2003
Bild von Olson
Wissenschaftlicher und politischer Hintergrund des Olson-Textes
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Olson (1932-1998) war Ökonom, er analysierte politische Zusammenhänge
mit dem methodischen Instrumentarium der wirtschaftswissenschaftlichen
Entscheidungstheorie.
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Trotz des fehlenden explizit utilitarischen Charakters von Olsons Thesen
hatten diese politische Auswirkungen, zumal Olson von einer Vielzahl von
Regierungen bei der Planung und Durchführung administrativer Reformen
herangezogen wurde (vgl. http://www.iris.umd.edu/aboutiris/olson.asp).
Menschenbild Olsons
Homo oeconomicus: utilitaristisch, zweckrational, kein
partizipatorischer (oder "kantischer") Altruismus (vgl. Fußnote 3
auf S. 118-119)
Methodisches Vorgehen von Olson
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axiomatisch-deduktiv
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erklärend (nicht verstehend), strebt also nach wenn-dann-Aussagen
(vergleichbar naturwissenschaftlicher Forschung), bemüht sich um Trennung
vom Forscher als Subjekt und Gegenstand als Objekt
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geht von der Möglichkeit einer Trennung von Erklärungen und Wertungen
aus und strebt werturteilsfreie Erklärungen an
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methodischer Individualismus: Soziale Strukturen und Prozesse werden über
individuelles Verhalten (allgemeine Verhaltensprinzipen, nicht individuelle
Bedürfnisse und Neigungen) erklärt. Voraussetzungen: Knappe Güter,
mehrere Handlungsalternativen, individuelle Bewertbarkeit der Kosten und
Nutzen der Handlungsalternativen als Grundlage für die Entscheidung,
Zentrale Begriffe der Neuen Politischen Ökonomie (NPÖ)
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kollektive (oder öffentliche) Güter: Kollektivgüter
sind Güter, für die weder das Ausschlussprinzip noch das Rivalitätsprinzip
gilt. Nichtausschlusschluprinzip: Diejenigen, die keinen oder gemessen
am Nutzen einen zu geringen Beitrag zur Bereitstellung eines Kollektivguts
geleistet haben, können nicht von der Nutzung dieses Kollektivguts
ausgeschlossen werden (oder zumindest: ein solcher Ausschluss verursacht
hohe Kosten). Nichtrivalitätsprinzip: Die Nutzung eines Kollektivguts
durch ein Individuum beeinflusst (verringert) nicht die Möglichkeit
für andere Individuen, das Kollektivgut zu nutzen. So kann ein öffentlicher
Park als Kollektivgut gesehen werden, wenn man davon ausgeht, dass niemand
davon ausgeschlossen werden kann, diesen zu nutzen und wenn man weiterhin
davon ausgeht, dass die Nutzung des Parks keinen Einfluss darauf hat, ob
andere Individuen den Park nutzen können.
Übersicht: Was sind kollektive Güter? Klassifikation nach
Ostrom/Ostrom (1977) und Beispiele
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Rivalitätsprinzip gilt
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Rivalitätsprinzip gilt nicht
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Ausschlussprinzip gilt
(kaum Kosten beim Ausschluss) |
Private Güter:
z. B. Schokolade
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Zollgüter:
z. B. Kabelfernsehen
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Ausschlussprinzip gilt nicht
(zumindest hohe Kosten beim Ausschluss) |
"Common-Pool Resources":
z. B. Bewässerungssystem
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Öffentliche (kollektive) Güter:
z. B. öffentlicher Park
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Vgl. Braun 1999: 55.
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private Güter: Gegensatz zu Kollektivgütern, also Güter
für die Ausschluss- und Rivalitäsprinzipien gelten, d. h. Individuen,
die nicht zur Beschaffung des privaten Gutes beigetragen haben, können
von der Nutzung ausgeschlossen werden und durch die Nutzung reduziert sich
die Gesamtmenge des Gutes
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Trittbrettfahrer (free-rider): Individuen, die nicht an den Kosten
der Erzeugung von Kollektivgütern beteiligt sind, aber trotzdem von
den Kollektivgütern profitieren.
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selektive Anreize: soziale und materielle Belohnungen (private Güter)
oder Bestrafungen für Individuen in Abhängigkeit von deren Beitrag
zur Bereitstellung eines kollektiven Guts
Zentrale These des Textes
Die Annahme, dass eine Gruppe mit einem gemeinsamen Interesse tatsächlich
immer für dieses eintritt, ist falsch. Individuen, die ein übereinstimmendes
Interesse an der Bereitstellung eines kollektiven Guts haben, können
jeweils davon profitieren, sich nicht an den Kosten für die Bereitstellung
des Gutes zu beteiligen.
Die Erzeugung von Kollektivgütern ist besonders unwahrscheinlich,
wenn
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die Gruppe groß ist, da dann der Anteil des Individuums am
kollektiven Gut vergleichsweise klein ist und die Nutzung sozialer selektiver
Anreize unwahrscheinlicher ist (S. 130-133).
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der Nutzen des Kollektivguts für das Individuum gering ist
(bei Olson wird dieser Bruttonutzen formal als "Wert des Gutes für
ein Individuum i" (S. 130) und inhaltlich als "Intensität der Präferenzen
diskutiert (S. 133).)
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die Kosten für die Erstellung des Kollektivguts hoch sind.
Zu den Kosten gehören auch Informations- und Planungskosten (S. 127).
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große soziale Heterogenität der Gruppe besteht, da soziale
Heterogenität die Nutzung sozialer selektiver Anreize erschwert und
eine Festlegung der Art und Menge des gewünschten Gutes sowie der
Art der Erlangung des Gutes erschwert (S. 122-123).
Politikbegriff Olsons
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empirisch-analytischer bzw. technischer Politikbegriff (nicht normativ
bzw. pädagogisch)
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konfliktorientierte Politikbegriff (nicht konsensorientiert)
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zweckrationaler Politikbegriff (nicht wertrational)
Staatszweck und Struktur eines idealen Staates nach Olson
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Staatszweck: Wird nicht explizit angegeben. Mögliche Staatszwecke:
Bereitstellung bestimmter kollektiver Güter ("Wohlstand" der Nation,
entspricht aber auch dem Zweck von Verbänden), dazu wohl auch: Gewährleistung
effektiver und effizienter Strukturen zur Austragung von Konflikten.
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ideale Staatsstruktur: Wird nicht explizit angegeben.
Zusammenhang von Interesse und Gemeinwohl bei Olson
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Interesse: Individualinteresse
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Gemeinwohl: In der gesamten NPÖ gibt es kein explizites Gemeinwohl
und kein übergeordnetes staatliches Interesse als Verhaltensmaxime
für Parteien und Bürger (Lehner 1981: 22). - Es gibt nur individuelles
Interesse, Gemeinwohl gibt es höchstens als mögliche Präferenz
von Individuen. Die NPÖ nimmt für sich in Anspruch keine Wertung
vorzunehmen, wie sie der Gemeinwohl-Begriff impliziert.
Gegenüberstellung von Vorzügen und Grenzen des Ansatzes
von Olson (Auswahl)
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Vorzüge
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Kritik und Probleme
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hoher Informationsgehalt (klare Thesen, welche auf wenigen Annahmen beruhen,
große Reichweite der Thesen
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gute Überprüfbarkeit der Schlussfolgerungen
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zahlreiche Übereinstimmungen empirischer Beobachtungen mit den Annahmen
und Schlussfolgerungen
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in sich schlüssige (logische) Argumentation
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Möglichkeit zur Entwicklung contra-intuitiver Hypothesen
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alle alternativen Theorien haben (auch) wesentliche Schwächen
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normative Kritik: Es gibt die Befürchtung, dass erst die Annahme eines
Homo oeconomicus diesen schafft bzw. solches Verhalten bestärkt und
legitimiert wird
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wissenschaftstheoretische Kritik: Trennung von Subjekt und Objekt der Sozialforschung
wir als unmöglich angesehen, wissenschaftliche Forschung ist dann
sozial bestimmt, die Annahme einer objektiven Wahrheit unhaltbar
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theoretische Kritik: wertrationales, traditionales, emotionales und dramaturgisches
Handeln wird vernachlässigt, Wandel von Präferenzen (Lernen,
Argumentieren) wird ausgeblendet, es ist umstritten, ob sich "Nutzen" quantifizieren
lässt
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empirische Probleme: Es gibt mehr kollektive Güter, als nach Oson
angenommen werden müsste. Außerdem gibt es eine Reihe andere
möglicher Gründe für das Nichteintreten in eine Organisation
(Unkenntnis von der Existenz des Verbandes bzw. der Eintrittsprozeduren,
begrenztes Haushaltsbudget, Unzufriedenheit mit einem Teil der Ziel oder
einzelnen Repräsentanten der Organisation)
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Bezüge zu anderen Texten des Readers
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Olsons zentrale These richtet sich gegen Annahmen von Marxisten und Pluralismustheoretikern
(Fraenkel), die davon ausgehen, dass große gesellschaftliche Gruppen
(Klassen) ihre Interessen gemeinsam vertreten
Literaturhinweise zu Olson (Sekundärliteratur):
Braun, Dietmar, 1999: Theorien rationalen Handelns in der Politikwissenschaft.
Eine kritische Einführung. Opladen.
Lawson, Tony, 1997: Economics and Reality. London.
Lehner, Franz, 1981: Einführung in die Neue Politische Ökonomie.
Königstein/Ts.
Ostrom, Vincent/Ostrom, Elinor, 1977: Public Goods and Public Choices,
in: Savas, E. S. (Hrsg.): Alternatives for Delivering Public Services:
toward improved Perfomance. Boulder.
Schubert, Klaus (Hrsg.), 1992: Leistungen und Grenzen politisch-ökonomischer
Theorie. Eine kritische Bestandaufnahme zu Mancur Olson. Darmstadt.
weitere Hinweise in Artikeln politikwissenschaftlicher Lexika und Handwörterbücher,
Stichworte: Rational Choice, Neue Politische Ökonomie