Stichworte zum Text von Fritz
W. Scharpf
Nils Bandelow, Unterlagen zur Übung: Einführung
in die Politikwissenschaft, WiSe 2002/2003
Bild von Scharpf
Verknüpfung zur Homepage
des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln
(das von Fritz Scharpf zusammen mit Wolfgang Streeck geleitet wird)
Wissenschaftlicher und politischer Hintergrund des Scharpf-Textes
-
Wissenschaftlicher Hintergrund: Scharpf ist studierter Jurist, er argumentiert
daher systematisch verfassungsrechtlich. Die theoretische Basis des Textes
bilden einerseits die normativen Ansprüche der politischen Philosophie
und andererseits die theoretischen Überlegungen der politischen Ökonomie.
-
Politischer Hintergrund: Scharpf plädiert für eine Stärkung
des Staates in seiner Planungsfunktion unter anderem durch den Aufbau von
Datenbanken und zentralen Informationssystemen. Diese Forderung steht im
Kontext der sozial-liberalen "Planungseuphorie" der 1970er Jahre
Ansprüche der komplexen Demokratietheorie
-
komplexe normative Forderungen: z. B. bessere Beteiligung von "Unterschichtinteressen"
an Beteiligungsprozessen Minderheitenschutz, Mäßigung der Macht;
Konkret heißt das z. B.: Die Politik muß letztlich auch gegen
Einzelinteressen entscheiden können und die Politik muß verbandlich
nicht ausreichend repräsentierte Interessen versuchen auszugleichen
-
Umfassende historisch empirische Verankerung: die Welt soll zwar vereinfacht,
aber umfassend abgebildet werden
Politikbegriff des Textes
-
normativ und empirisch
-
Input und Output miteinander verknüpfend
-
emanzipatorisch
Methodisches Vorgehen von Scharpf
-
Ideengeschichtliche und empirische Herleitung normativer Grundlagen
-
Konfrontation der so gewonnenen komplexen normativen Ansprüche mit
der Gegenwartsgesellschaft
-
Nutzung von Beispielen aus anderen Ländern (vor allem aus den USA,
aber kein systematischer Ländervergleich)
-
Übernahme üblicher Annahmen und Thesen der Neuen Politischen
Ökonomie
Staatszweck und Struktur eines idealen Staates nach Scharpf
-
Staatszweck u. a.: Vertretung aller Interessen und Ausgleich zwischen den
komplexen Bedürfnissen in einer heterogenen Gesellschaft
-
Komplexe Vorschläge für strukturelle Weiterentwicklungen des
bundesdeutschen Staates, z. B.: Ausweitung demokratischen Prinzips auf
nicht-staatliche Bereiche, Zwei-Parteiensystem (Mehrheitswahlrecht), Entflechtung
des Föderalismus, Einführung von Sonderbehörden zur Staatsentlastung
bei sekundären Problemen mit überregionaler Bedeutung, Erweiterung
der Rekrutierungsbasis für politische Posten (Einbindung der Unterschicht)
und Verwaltungsposten (Überwindung des Juristenmonopols)
Zentrale These des Textes von Scharpf
Der Text argumentiert nicht einseitig auf eine Einzelthese hin oder
geht von einer Einzelthese aus. Es ist daher – je nach eigenem Hintergrund
– möglich, unterschiedliche Thesen in den Mittelpunkt zu stellen.
Ein Vorschlag ist: Scharpf geht davon aus, dass vor dem Hintergrund theoretischer
Überlegungen der ökonomischen Theorie der Politik (Olson) die
anspruchsvollen Ziele normativer Demokratietheorien (etwa der von von Fraenkel
aber auch etwa von Rousseau) nicht zu erreichen sind. Unter Berücksichtigung
der analytischen Überlegungen kann aber das gesellschaftliche und
politische System so weiterentwickelt werden, dass es den komplexen Ansprüchen
der verschiedenen normativen Demkratietheorien möglichst weitgehend
gerecht wird.
Zusammenhang von Interesse und Gemeinwohl bei Scharpf
-
Scharpf thematisiert das Spannungsfeld von Einzelinteressen (die auch Gruppen-
oder Klasseninteressen sein können) und Gemeinwohl, indem er verschiedene
Defizite benennt:
-
Beteiligungsproblem (Input): Rationale und institutionelle Ausgrenzung
von Teilen der Bevölkerung aus dem Entscheidungsprozess
-
Durchsetzungs- und Planungsproblem: Entscheidungen im Sinne des Gemeinwohls
sind durch Einzelinteressen zu blockieren
-
Theoretisches Problem (Input): Wer ist das Volk? (Vielfaches Problem, zunächst
muss der Tatsache Rechnung getragen werden, dass unterschiedliche Individuen/Gruppen
von politischen Entscheidungen verschieden betroffen sind. Ja/Nein Bekundungen
bei Abstimmungen sind zudem blind für unterschiedliche Grade von Präferenzen.
Bei langfristigen Planungen ist außerdem eine Entscheidung der heutigen
Menschen für zukünftige Generationen unvermeidbar.)
-
Theoretisches Problem (grundsätzlich) Vielzahl von demokratischen
Zielen, die in einer komplexen Theorie Berücksichtigung finden sollen.
Insgesamt ist Scharpf bemüht, ein komplexes Verständnis
von Interessen- und Gemeinwohlbegriffen zu Grunde zu legen.
(Ausgewählte) Bezüge zu den Klassikern
-
Der explizit normative Ansatz bei Scharpf begründet ein spannungsreiches
Verhältnis zu möglichen Interpretationen von Max Webers Vorstellung
werturteilsfreier Forschung
-
Aristoteles kann als Quelle jeder normativen politischen Theorie gesehen
werden. Allerdings unterscheidet sich Scharpfs Gerechtigkeitsideal von
dem Gemeinwohlbegriff Aristoteles' wesentlich: Aristoteles findet ungleiche
politische Partizipation natürlich, Scharpf sieht darin ein Problem.
Allerdings nimmt Scharpf (auch) Aristoteles' Forderung nach einer Outputlegitimation
auf.
-
Scharpf hat mit Hobbes gemeinsam, dass er für eine repräsentative
Staatsform eintritt. In der Ausgestaltung finden sich aber wenig Bezüge
zu Hobbes: Scharpf fasst die Staatsaufgaben viel weiter, will nicht nur
Sicherheit sondern demokratische Partizipation und effiziente Strukturen.
-
Scharpf hat mit Rousseau sicherlich den hohen Anspruch an den Staat gemeinsam,
der "Gerechtigkeit" schaffen soll. Allerdings fehlt bei Rousseau die explizite
Auseinandersetzung mit Fragen der Input-Legitimation, die bei Scharpf vorhanden
ist.
-
Zu den Federalists bestehen viele - vor allem indirekte Bezüge. Das
komplexe Repräsentationssystem der USA steht bei Scharpf für
viele Vorschläge Pate (etwa für sein Modell des dualen Föderalismus)
Letztlich stellt Scharpfs Aufsatz also einen Versuch dar, auf Basis der
(1970) aktuellen Erfahrungen die jeweils wichtigsten Elemente der verschiedenen
Demokratietheorien zusammenzuführen und im Hinblick auf eine praktische
Lösung hin zu denken.
Mögliche Kritik an Scharpfs Modell
-
Theoretische Kritik: Das Modell steht vor dem Problem des Effektivitäts-Legitimationsdilemmas
(das sieht Scharpf wohl heute auch so). So kosten demokratische Entscheidungen
z. B. Ressourcen. Es muss daher abgewogen werden, welchen Stellenwert die
demokratische Legitimation einer Entscheidung in einem bestimmten Bereich
hat, um den gerechtfertigten Aufwand zur Erzeugung dieser Legitimation
zu bestimmen.
-
Empirische Kritik (im Nachhinein): Den Normen wurde offenbar zu viel, den
empirischen Anforderungen zu wenig Wert zugemessen. Die Planungseuphorie
der 1970er Jahre hat doch im Ergebnis zu großen Enttäuschungen
geführt (es gab Wirtschaftsprobleme und keine umfassende Demokratisierung)
-
Aktuelle Kritik bei einer Übertragung des Modells in die Gegenwart:
Die europäische Integration steht den Anforderung von Scharpf zusätzlich
entgegen: Die Legitimität und demokratische Beteiligung findet vor
allem auf Ebene der Mitgliedstaaten statt, während die politischen
Kompetenzen zunehmend an die EU verlagert werden
Literaturhinweise zu Scharpf:
Eine kurze Diskussion der Scharpf-Thesen findet sich bei Schmidt, Manfred
G., 1995: Demokratietheorien. Opladen: Leske + Budrich (UTB 1887), Seiten
204-214 (steht im Handapparat, es gibt aber auch neuere Auflagen). – Im
Handapparat findet sich auch der komplette Text der Antrittsvorlesung von
Scharpf.
Vorschlag für ein logisches Bild zu Scharpfs komplexer Demokratietheorie
(ACHTUNG: Das Bild ist nur in der Word-Version
vollständig)
|
KOMPLEXE DEMOKRATIETHEORIE
|
|
|
NORMATIVE ELEMENTE
|
|
NORMATIVE ELEMENTE
|
|
Partizipationspostulat
|
|
Voraussetzungen für
|
Realisierbar durch
|
|
Zwei-Parteien-System
|
übergeordnete politische Ebene
|
|
Axiom
Eigenwert menschlicher Selbstentfaltung und Selbstbestimmung
|
|
-
Politische Handlungs- und Organisationsfähigkeit
-
Verbreiterung der Rekrutierungsbasis des Elitensystems
-
Übergeordnete politische Ebene: höhere Entscheidungsbefugnis
-
Übergeordnete politische Ebene: höheres Wertberücksichtigungspotential
|
|
-
zentralisiertes politisches System
-
"aktive Öffentlichkeit"
|
direktes Mandat durch Wahl
|