Stichworte zum Textausschnitt von Claus Offe (Nils Bandelow, WS 2000/01)
Wissenschaftlicher und politischer Hintergrund des Offe-Textes
- Offe war Assistent von Jürgen Habermas (Frankfurter Schule) und galt früher als "Neomarxist"
- Offes Thesen wurden später im Rahmen der von der Union aufgenommenen Diskussion um eine "Neue Soziale Frage" als argumentative Unterstützung für den politischen Kampf gegen eine angeblich zu große Gewerkschaftsmacht genutzt
Politikbegriff Offes
- Politik wird als Konflikt zwischen funktional abgegrenzten Gesellschaftsbereichen (nicht zwischen Individuen oder Gruppen) gesehen
Methodisches Vorgehen von Offe
Fragestellung des Offe-Textes
- Ist die Annahme der "Gruppenherrschaft" für die Analyse der Gegenwartsgesellschaft (noch) angemessen?
Zentrale These des Textes von Offe
- Es gibt zwar keine herrschenden Gruppen mehr, aber unterschiedliche Interessen haben unterschiedliche Chancen, politisch berücksichtigt zu werden
Restriktionen der Interessenvermittlung im Parteiensystem und im Parlament
- Parteienkonkurrenz bewirkt verstärkte Berücksichtigung "mittlerer" Positionen (u. a. durch Konflikt zwischen Mitgliedschafts- und Einflusslogik)
- Neugründung, Finanzierung, legaler Bestand von Parteien und das Wahlrecht unterliegen restriktiven Bedingungen
- Konformitätsdruck im Parlament
- Doppelfunktion der parlamentarischen Mehrheit: Fiktion öffentlicher Willensbildung erhalten und gleichzeitig das verselbständigte Geschehen der Exekutive gegen öffentlich artikulierte Ansprüche abschirmen und verteidigen
Restriktionen der Interessenvermittlung im Verbändesystem
Unterschiedliche
- Organisationsfähigkeit (Reader S. 178) und
- Konfliktfähigkeit (Reader S. 179)
von Bedürfnissen und Interessen.
Staatsfunktionen
Der moderne Wohlfahrtsstaat strebt nach Offe primär danach, sich selbst zu erhalten. Daher müssen drei Promblemkomplexe bevorzugt bewältigt werden:
- ökonomische Stabilität (Vollbeschäftigung, Wirtschaftswachstum) als Grundlage des Systems
- außenpolitisches, außenwirtschaftliches und militärpolitisches Gleichgewicht zur Vermeidung und Abwehr äußerer Bedrohungen
- Sicherung der Massenloyalität zur Vermeidung interner Systembedrohungen
Zusammenhang von Interesse und Gemeinwohl bei Offe
Interesse: Bei Offe funktionales Interesse, also z. B. Umweltschutzinteresse, Bildungsinteresse
Gemeinwohl: Kein expliziter Gemeinwohlbegriff. Implizit kann evtl. vermutet werden, dass eine Stärkung unterprivilegierter Funktionsbereiche der Gesellschaft als dem "Gemeinwohl" förderlich erachtet wird
Literaturtipps
Böhret, Carl/Jann, Werner/Kronenwett, Eva, 1988: Innenpolitik und politische Theorie. Opladen: Westdeutscher Verlag, 318-322. (zur Neuen Sozialen Frage)
Offe, Claus 1975: Strukturprobleme des kapitalistischen Staates. Frankfurt a. M..
In Lehrbüchern nachschlagen unter den Begriffen: Disparitätentheorie, Konfliktfähigkeit, Organisationsfähigkeit