Wissenschaftlicher und politischer Hintergrund des Schmitter-Textes
Der Text ist ein Grundlagentext für die Diskussion um einen "Neokorporatismus", die in den siebziger Jahren die Verbändeforschung und die sozialdemokratisch-keynesianische Politik (Konzertierte Aktionen) geprägt hat und auch heute (in stark veränderter Form) mitunter als politisches Leitbild wirkt (Bündnisse für Arbeit und Ausbildung). Die Bedeutung des Textes liegt vor allem darin, dass hier der Schmittersche Korporatismusbegriff ("Korporatismus I" oder "gesellschaftlicher Korporatismus") geprägt wird. Der Schmittersche Korporatismus steht – ergänzt durch den von Gerhard Lehmbruch geprägten "liberalen Korporatismus" ("Korporatismus II") im Zentrum der deutschen Korporatismusdiskussion. Während die Korporatismusdefinition von Schmitter auf die inneren Strukturen der Verbände Bezug nimmt, setzt Lehmbruch bei den institutionellen Formen der Verknüpfung zwischen verbandlicher und staatlicher Politik an.
Politikbegriff Schmitters
Der Staat hat die Aufgabe, zwischen unterschiedlichen Ansprüchen gesellschaftlicher Gruppen zu vermitteln und im Einklang mit verbandlichen Vertretern der Gruppen Lösungen zu finden, die durch den Staat und die Interessenverbände gemeinsam umgesetzt werden.
Zusammenhang von Interesse und Gemeinwohl bei Schmitter
Interesse: Gruppeninteresse
Gemeinwohl: Kein expliziter Gemeinwohlbegriff. Gemeinwohl wird aber offenbar an Ergebnissen gemessen (outputorientiert, als Herrschaft "für das Volk" nicht unbedingt "vom Volk").
Literaturtipps
Czada, Roland, 1995: Konjunkturen des Korporatismus. Zur Geschichte eines Paradigmenwechsels in der Verbändeforschung, in: Streeck, Wolfgang (Hrsg.): Staat und Verbände (Politische Vierteljahresschrift, Sonderheft 25). Opladen: Westdeutscher Verlag, 37-64.
Reutter, Werner, 1991: Korporatismustheorien. Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang.
Weßels, Bernhard, 2000: Die
Entwicklung des deutschen Korporatismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte,
B 26-27, 16-21.
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| Merkmale der Verbände | Begrenzte Anzahl Mitgliedschaftszwang nichtkompetitiv hierarchisch geordnet funktional differenziert | Vielfalt Freiwilligkeit kompetitiv nichthierarchisch fließende Grenzen und Mehrfachmitgliedschaft |
| Merkmale der Staat-Verbände-Beziehungen | staatliche Anerkennung Repräsentationsmonopol im Austausch gegen Kontrolle der verbandlichen Führungsauslese und Interessenartikulation | keinerlei staatliche Begünstigung keine staatliche Intervention in Verbändeangelegenheiten |
Aus: Czada, Roland, 1994: Konjunkturen des Korporatismus: Zur Geschichte eines Paradigmenwechsels in der Verbändeforschung, in: Streeck, Wolfgang (Hrsg.): Staat und Verbände (Politische Vierteljahresschrift, Sonderheft 25). Opladen: Westdeutscher Verlag, 37-64, hier S. 45.