Übung: Politische Systeme
und Politik in Deutschland und
Großbritannien, Dienstags 10-12 Uhr, GC 03/149
Leitung: Dr. Nils Bandelow, Sprechstunde Dienstags
13-14 Uhr, GC 04/149
Föderalismus, Zentralismus
und Devolution
HIER gibt's die Folien als Word-Datei
Begriffliches zum Föderalismus
"Unter Föderalismus versteht man heute fast ausschließlich
ein Struktur- und Organisationsprinzip von politischen Systemen, in denen
mehr oder weniger selbständige Glieder zu einem übergeordneten
Ganzen zusammengeschlossen sind, in denen also das bündische Prinzip
oder der Bund die Grundlage der Staatsorganisation sein soll [...] In der
Bundesrepublik wird Föderalismus zudem meist auf seine staatsrechtliche
Komponente, den Bundesstaat reduziert [...]"
Kilper, Heiderose/Lhotta, Roland, 1996: Föderalismus in der Bundesrepublik
Deutschland (Grundwissen Politik Band 15/Kurs der FernUniversität
Hagen). Opladen: Leske + Budrich, 31.
Der Begriff des "Föderalismus" weist vielfältige Dimensionen
auf. Föderale Staatsstrukturen haben unterschiedliche historische
Hintergründe und Ziele, nämlich z. B.
-
Dekolonialisierungsprozesse (USA, Australien, Kanada)
-
Abgrenzung von den USA (Kanada)
-
Garantie des nationalen Dualismus von Anglo- und Frankokanadiern (Kanada)
-
lokale/kantonale Autonomie (Schweiz)
-
kulturelle Vielfalt (Schweiz)
-
Marktintegration (Schweiz)
-
Sicherheitsbedürfnisse (Schweiz)
-
Umgang mit der kulturellen Fragmentierung zwischen Flamen und Wallonen
und Reaktion auf eine Verschiebung des ökonomischen Gewichts zwischen
den beiden Regionen (Belgien)
-
Ergebnis von Kriegen (Schweiz, Habsburger Doppelmonarchie als Vorläufer
Österreichs 1920 und Nordeutscher Bund/Kaiserreich)
-
Kulturelle Vielfalt (BRD, aber nicht zentral)
-
historische Tradition monarchischer Einzelstaatlichkeit bei hegemonialer
Position Preußens (BRD)
-
Verhinderung totalitärer Gleichschaltung (die deutschen Länder
wurden mit Ausnahme Bayerns sowie der Stadtstaaten HH und HB nach 1945
von den Besatzungsmächten im Zuge der Zerschlagung Preußens
willkürlich geschaffen)
-
Reaktion auf tradierte regionale Strukturen ("historische Nationalitäten"
Spanien)
-
Dezentralisierung nach Franko als Reaktion auf Totalitarismus und Unterdrückung
der historischen Nationalitäten (Spanien)
Damit zusammenhängend unterscheiden sich Föderalstaaten auch
im Hinblick auf ihre institutionelle Ausgestaltung. In einem engeren Sinn
bezeichnet Föderalismus nur Bundesstaaten. Andere Autoren wenden den
Begriff auch auf Staatenbünde an. In der Realität sind die Übergänge
zwischen Allianzen, Föderalstaaten und Einheitsstaaten oft fließend,
wie die folgende Übersicht verdeutlicht:
Kontinuum föderaler Zielvorstellungen (Übersicht ist nicht
so richtig html-fähig. Hier gibt's die Übersicht
als Word-Datei)
|
zentrifugaler Föderalismus zentripetaler
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| Allianz |
Eigenständigkeit und Vielfalt
als oberste Ziele |
Integration und Gleichheit als oberste Ziele
|
Einheits- |
NATO |
|
staat |
| |
Staatenbund
Deutscher Bund EU |
konföderaler
Bundesstaat
Kanada, USA Schweiz |
unitarischer Bundesstaat
BRD |
dezentraler Einheitsstaat
m. E. Frankreich |
m. E. Frankreich |
Leicht geändert aus: Schultze, Rainer-Olaf 1985:
Das politische System Kanadas im Strukturvergleich. Bochum: Brockmeyer,
65.
Föderalismustypen
| |
konfliktorientiert
|
konsensorientiert
|
| zentrifugal (Eigenständigkeit betonend) |
Kanada
USA
Belgien |
|
|
zentripetal (integrativ) |
|
Spanien
Schweiz, BRD, Österreich |
eigene Übersicht nach Nohlen 1992
Föderalistische Strukturen können historisch, ethnisch, geographisch
oder zweckrational (funktional) gerechtfertigt werden.
Sie zielen auf die Erhaltung historischer Vielfalt und Eigenart im Rahmen
einer größeren Einheit, den Schutz von Minderheiten, die Umsetzung
des Subsidiaritätsprinzips, die Freiheissicherung durch vertikale
Gewaltenteilung (historisch zweifelhaft, da z. B. in den USA fast 100 Jahre
der Föderalismus die Koexistenz von Staaten mit und ohne Sklaverei
ermöglichte, auch die Verankerung von Grundrechten in der Verfassung
scheint in den USA eher zentralistisch möglich zu sein) und/oder auf
die Schaffung einer zusätzlichen Ebene demokratischer Partizipation
und auf Effiziensteigerung (z. B. durch Wettbewerb zwischen den Einheiten).
Da Föderalismus eine Struktur zwischen den beiden Extremen unitarischer
Zentralstaaten auf der einen Seite und selbständiger Einzelstaaten
auf der anderen Seite darstellt, hängt die Begründung letztlich
von der Perspektive ab. Eine Föderalisierung ehemals unitarischer
Staaten kann etwa auf folgenden Zielen beruhen:
-
Machtaufteilung mittels vertikaler Gewaltenteilung
-
Integration heterogener Gesellschaften/Umgang mit kultureller Vielfalt
(hier auch: Berücksichtigung
-
historischer Traditionen)
Zusammenschlüsse ehemals selbständiger Einzelstaaten können
dagegen z. B. folgende Ziele haben:
-
Interne Friedenssicherung
-
Stärkung nach außen/Ausdehnung von Machtbereichen
-
Reduktion von Transaktionskosten (z. B. durch Schaffung politischer Einheiten)
-
Schaffung sozialer Ausgleiche zwischen Territorien mit ungleicher Wirtschaftsstruktur
-
Politische Regulation und Kontrolle großer wirtschaftlicher Einheiten
-
normativ: Subsidiaritätsprinzip
Föderalismus in Deutschland
Kompetenzverteilung zwischen Bund und Ländern nach dem deutschen
Grundgesetz
| |
Bund |
Länder |
| Gesetzgebung |
-
fast alle Gesetzgebungskompetenzen
(ausschließliche,
konkurrierende,
rahmensetzende)
|
-
wenig eigene Gesetzgebungskompetenzen
(Polizei, Kultur, Kommunales ...)
-
Zustimmungs- und Einspruchsrechte
|
| Verwaltung |
-
kaum eigene Verwaltungskompetenz
-
meistens nur Rechtsaufsicht bei der Durchführung
|
-
fast alle Verwaltungskompetenz
-
Durchführung fast aller Gesetze
|
| Rechtsprechung |
|
-
quantitatives Übergewicht der Landesgerichte
|
Aus: Böhret, Carl/Jann, Werner/Kronenwett, Eva, 1988: Innenpolitik
und politische Theorie. Opladen: Westdeutscher Verlag, 81.
Bundesdeutsche Finanzverfassung (vereinfacht)
|
Einkünfte des Bundes
|
Einkünfte der Länder
|
Einkünfte der Gemeinden
|
-
Zölle,
-
viele Verbrauchsteuern,
-
Straßengütrverkehrsteuer,
-
Kapitalverkehrsteuern,
-
Versicherungssteuer,
-
Wechselsteuer,
-
einmalige Vermögensabgaben,
-
Ergänzungsabgabe zur Einkommensteuer und zur Körperschaftsteuer,
-
ca. 50 Prozent der Einkommen-, Körperschaft- und Umsatzsteuer (Gemeinschaftssteuern)
|
-
Vermögenssteuer,
-
Erbschaftssteuer,
-
KFZ-Steuer,
-
Verkehrssteuer,
-
Biersteuer,
-
Abgaben von Spielbanken,
-
ca. 50 Prozent der Einkommen- Körperschaft- und Umsatzsteuer (Gemeinschaftssteuern)
-
evtl. Einkünfte aus dem Finanzausgleich
|
-
Teil der Einkommensteuer (durch Bundesgesetz geregelt),
-
weiterer Teil des Landesanteils an Einkommen-, Körperschaft- und Umsatzsteuer
(durch Landesgesetz geregelt),
-
örtliche Verbrauch- und Aufwandsteuern
|
Zentralismus in Großbritannien
Die einzelnen Teile Großbritanniens verfügen (stärker
noch als in Deutschland die Länder) über alle zentralen Elemente
identitätsstifender Besonderheiten:
-
Spache
-
Religion
-
nationale Institutionen – starke regionale Selbstverwaltung (siehe unten)
-
Elemente der Populärkultur (z. B. Fußball-Ligen und Fußball-Nationalmannschaften,
Schottenrock, walisische Chöre)
Regionale Selbstverwaltung (starke Kompetenzen, aber nicht verfassungsrechtlich
verankert):
-
Countries: Verantwortung für Polizei, Sicherheit und Ordnung, Bauangelegenheiten
u.a.
-
150 Special Districts: Kommnale Verwaltungen mit Steuerhoheit und Zuständigkeit
für staatliche Schulen und Müllabfuhr
-
Auf unterster Ebene noch kleinere kommunale Ämter
Dominanz Englands in Großbritannien aufgrund der zahlenmäßigen
Dominanz (83 % der Briten sind Engländer), der wirtschaftlichen Vormacht
und der historischen Entwicklung:
-
1536: Act of Union: Annexion Wales‘ durch England, in der Folge Abschaffung
der Walisischen Gesetze und der Regionalverwaltung, erst im 20. Jahrhundert
Rückgabe nationaler Identität an Wales
-
1707: Act of Union: Auflösung des Schottischen Parlaments und des
schottischen Privy Council (Beratungsgremium des Kings)
-
1801: Realunion zwischen GB und Irland bis 1922, seitdem nur noch Nordirland
bei GB, aber mit eigenem Parlament
Devolution
-
Es gibt seit 1885 ein Schottland-Ministerium
-
Es gibt seit 1964 ein Welsh Office
-
Die Konservativen sind gegen Devolution
-
Labour hat nach den Wahlen 1997 Devolution angekündigt. Wesentlicher
Inhalt: Delegation von Gesetzgebungsparlament an regionale parlamentarische
Kammern und Volksabstimmungen in Schottland zur Einrichtung eines eigenen
Parlaments. Am 11.9.1997 stimmten die Schotten mit großer Mehrheit
(74,3 zu 25,7 Prozent) für die Errichtung eines schottischen Parlaments,
das u. a. die Einkommenssteuer drei Prozentpunkte vom britischen Satz nach
oben oder unten verändern kann. Erste Wahlen war 1999 in Wales in
Schottland.
-
Die Regierungsvorschläge für eine Autonomie von Wales erhielten
in einer Volksabstimmung im Jahre 1997 die Unterstützung von 559.419
Walisern (50,3%), 552.698 (49,7%) waren dagegen. Die im Mai 1999 gewählte
Walisische Versammlung besteht aus 60 Abgeordneten, davon kommen 40 direkt
aus den Wahlbezirken, sie restlichen 20 wurden über regionale Listen
gewählt
-
Am 1. Juli 1999 übernahm die Walisische Versammlung praktisch alle
Funktionen, die zuvor der Minister für Wales in London innehatte.
Die Verantwortung für auswärtige Angelegenheiten, Verteidigung,
Besteuerung, die generelle Wirtschaftspolitik, Sozialwesen sowie Rundfunk
und Fernsehen liegt weiterhin bei der Zentralregierung in London
-
Im Juni 1998 wurde eine Nordirische Versammlung gewählt, die im Monat
darauf zum ersten Mal zusammentrat. Im Juli 1998 wurden im Parlament in
Westminster die Gesetzesvorlagen für die Autonomie Nordirlands und
die offizielle Übergabe der Verwaltung eingebracht, die im November
des gleichen Jahres durch Königliche Zustimmung in Kraft traten. Da
jedoch keine Übergabe der Waffen erfolgte, konnte das Gesetz nicht
verwirklicht werden, und die Nordirische Versammlung wurde im Februar 2000
von dem für Nordirland zuständigen Minister Peter Mandelson einstweilig
suspendiert. Nachdem die Irish Republican Army (IRA) eine Erklärung
abgegeben hatte, in der sie sich zu einem Verfahren verpflichtete, "mit
dem die Waffen vollständig und verifizierbar aus dem Gebrauch genommen
werden", wurde die Nordirische Versammlung am 22. Mai 2000 wieder eingesetzt.
-
Neu ist am schottischen Parlament zunächst einmal das Wahlsystem:
Man wich nämlich von dem undemokratischem Westminstersystem ab, bei
dem nach der first-past-the-post-Methode (relatives Mehrheitswahlsystem)
gewählt wird, indem man das sogenannte Additional Member System
einführte. Damit werden in Schottland nun 73 der 129 MSPs direkt in
den Wahlkreisen gewählt, während die restlichen 56 Plätze
im Parlament nach dem Anteil der Stimmen, die eine Partei bei der Wahl
erhält, aufgeteilt werden. Die Kompetenzen, die das schottische Parlament
hat, umfassen im Wesentlichen alle Aspekte der schottischen domestic policy,
sprich Bildungs-, Umwelt-, Transport-, Tourismus-, oder Regionalpolitik.
-
Die immer noch vorhandene Abhängigkeit Schottlands zeigt sich aber
darin, dass die Regierung Schottlands durch einen von der britischen
Regierung jährlich gebilligten block grant finanziert wird.
Außerdem muss jedes schottische Gesetz von der Königin gebilligt
werden.
Vorschläge für vergleichende
Fragestellungen zum Thema
Polity-orientierte Fragestellungen:
-
Auswirkung von Föderalismus auf die innere Organisation von Parteiens
-
Auswirkung der Verfassungsentwicklung auf die vertikale Staatsstruktur
-
Widerspruch zwischen Westminstersystem (Parlamentssouveränität)
und Föderalismus
Policy-orientierte Fragestellungen:
-
Föderalismus und Einheitlichkeit der Lebensbedingungen/soziale Ungleichheit,
-
Auswirkung föderaler Strukturen auf die Entwicklung und Durchsetzung
neuer Politikkonzepte
Politics-orientierte Fragestellungen:
-
solche Fragestellungen finden sich in der Literatur vergleichsweise selten,
ein mögliche Fragestellung wäre: Inwiefern lassen sich durch
bestimmte Formen der vertikalen Staatsstruktur bestimmte Formen politischer
Konflikte vermeiden?
Litereraturhinweise gibt es HIER