Übung: Politische Systeme
und Politik in Deutschland und Großbritannien (WS 2001/2002)
Dienstags 10-12 Uhr, GC 03/149
Leitung: Dr. Nils Bandelow, Sprechstunde Dienstags 13-14 Uhr, GC 04/149
Regierungskompetenzen und Regierungsorganisation
Großbritannien
3 Prinzipien, grundsätzlich wie in Deutschland:
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Dominanz des Premierministers (entspricht in etwa der Richtlinienkompetenz/dem
Kanzlerprinzip, reicht aber viel weiter). Kompetenzen des Regierungschefs
hängen stark von seiner Person, seinem Führungsstil und dem Ausmaß
der Mehrheit im Unterhaus ab.
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Ministerverantwortlichkeit (Ressortprinzip)
-
Kollektive Verantwortung des Kabinetts für Regieurngsentscheidungen
(Kabinettsprinzip) – stark eingeschränkt, da im Kabinett nicht formal
abgestimmt wird, sondern der Premier die Ergebnisse von Diskussionen "zusammenfasst"
und damit letztlich als Kabinettsentscheidung seinen Willen vorgibt
-
Regierung ist der exekutive Ausschuss des Parlaments, dominiert aber das
Unterhaus
-
im Gegensatz zu Deutschland gibt es in GB ein breit gefächertes Netz
von Kabinettszirkeln, die sich Spezialproblemen widmen, und hinsichtlich
Aufgabenstellung, personller Zusammensetzung und Dauerhaftigkeit vom Premierminister
beliebig minipuliert werden können. Diese Kabienttszirkel bereiten
nicht nur Entscheidungen vor, sondern treffen sie auc schon
-
starke Geheimhaltungstendenz in der Regierung, die Öffentlichkeit
erfährt meist nicht mal etwas über die konkrete Organisation,
allerdings ex-post wird vieles über Autobiographien dargestellt
Begriffe:
Secretary of State: Kabinettsminister
weitere Kabinettsminister mit anderen Titeln sind::
Chancellor of the Exchequer (Schatzkanzler, zuständig für
Wirtschaft, Finanzen und Civil Service)
Chief Secretary to the Treasury (zweiter Mann im Fianzministerium)
Lord Chancellor (entspricht zum Teil unserem Justizminister),
Leader of the House of Commons
Chancellor of the Duchy of Lanchester (öffentlicher Dienst,
Deregulierung)
Leader of the House of Lords
Minister of State: Untergeordneter Minister ohne Kabinettsrang
Junior Minister: Parlamentarischer Staatssekretaär
Dennis Kavanagh und Anthony Seldon bieten einen detailliert auf
Einzelpersonen bezogenen Einblick in die Bedeutung und Funktion des Civil
Service, der den gesamten hier relavanten Zeitraum mit einbezieht (Kavanagh/Seldon
1999). Kavanagh’s und Seldon’s Ansatz setzt voraus, dass alle politischen
Entscheidungen letztlich vom Premier getroffen werden. Dieser ist aber
aufgrund der Tatsache, dass seine (zumindest potentiellen) Aufgabenbereiche
und die Komplexität der Zusammenhänge in den letzten Jahrhunderten
und vor allem den letzten Jahrzehnten enorm gewachsen sind, stark Informationen,
Konzepten Ratschlägen von Beratern abhängig. Dies gibt einzelnen
Beratern einen wesentlichen Einfluss auf politische Entscheidungen, wobei
der jeweilige Einfluss davon abhängig gemacht wird, wie eng der Zugang
zum jeweiligen Premierminister ist. Je nach persönlicher Beziehung,
ideologischer Übereinstimmung oder tagespolitischer Notwendigkeit
gewinnen dabei im britischen Regierungssystem Vertreter folgender Institutionen
zentralen Einfluss (vgl. Kavanagh/Seldon 1999: insbesondere Appendix II):
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Kabinett: Hier sind vor allem der Schatzkanzler und der Foreign
Secretary in einer herausgehobenen Position. Mitunter ist ihr Einfluss
aber dennoch geringer, als der anderer Kabinettsmitglieder.
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Chief Whip
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Party Chairman:
-
Private Office: Das Private Office als Teil des Civil Service verfügt
über die räumlich und zeitlich größte Nähe zum
Premier. Grundsätzlich sollen die zentralen Figuren des Private Service,
der Principal Private Secretary (der meistens aus der Schatzkanzlei stammt)
du der Private Secretary for Overseas Affairs (der meistens aus dem Bereich
des Foreign Office rekrutiert wird) einen notwendigen Abstand zum Premier
einhalten. Dies ist die Voraussetzung für eine weitere erfolgreiche
Karriere der meist noch nicht zur absoluten Spitze des Civil Service gehörenden
Beamten. Nicht immer wurde dies jedoch eingehalten: So wurde etwa Charles
Powell zu eng mit Thatcher verbunden, so dass er wenige Monate nach dem
Machtwechsel zu John Major in die Privatwirtschaft wechseln musste (Kavanagh/Seldon
1999: 185). Powell und Pressesprecher Ingham waren so eng mit Thatcher
verbunden, dass diese –gegen politischen Widerstand – die Regel brach,
Civil Servants nach spätestens drei Jahren auszutauschen. Powell diente
sieben und Ingham sogar elf Jahre bis zum Ende der Ära Thatcher (Kavanagh/Seldon
1999: 204).
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Cabinet Office: Das Cabinet Office hat in der britische Öffentlichkeit
die wohl größte Bekanntheit, da die BBC-Comedy-Serie "Yes Prime
Minister" dem idealtypischen Cabinet Secretary "Sir Humphrey" – zum Teil
unter Rückgriff auf tatsächliche Ereignisse – eine Hauptrolle
eingeräumt hat. Der Cabinet Secretary ist meist ein führender
Vertreter des Civil Service, der dem Principal Private Secretary zwar in
der Hierarchie des Civil Service übergeordnet ist, dafür aber
räumlich und persönlich größeren Abstand zum Premier
hat. Der Cabinet Seretary ist sowohl für den Premier als auch für
das Kabinett zuständig und nimmt an den Kabinettssitzungen teil.
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Central Policy Review Staff (CPRS): Das CPRS war ab 1971 dem Cabinet
Office zugeordnet und hatte die Aufgabe, langfristige Strategien für
den Premier und das Kabinett zu erarbeiten. Es hat aber keinen großen
Einfluss gewinnen können und wurde 1983 von Thatcher aufgelöst
(Kavanagh/Seldon 1999: 18-19).
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Press Office: Der Press Secretary hat im Rahmen der steigenden Bedeutung
der Medien für den Premier tendentiell an Bedeutung gewonnen. Zu seinen
wesentlichen Aufgaben gehört die – meist inoffizielle – Verbreitung
von Informationen an Presse und Interessengruppen. Vor allem Bernard Ingham
als Pressesprecher Thatchers gehörte auch zu ihren engsten Beratern
(Kavanagh/Seldon 1999: 20)
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Policy Unit: Die 1974 gegründete Policy Unit besteht vor allem
aus politischen Beratern, ihr sind aber auch einige Civil Servants beigeordnet.
Sein Einfluss wurde von Thatcher gegen Ende ihrer Amtszeit reduziert. Unter
Major hat es aber wieder an Bedeutung gewonnen.
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Parliamentary Private Secretary (PPS): Der PPS ist ein unbezahlter
Posten für einen Unterhausabgeordneten, der dem Premier möglichst
nahe steht ohne – in der Regel – eigene weitergehende Ambitionen zu haben.
In Ausnahmefällen werden auch Oberhausabgeordnete als zusätzliche
PPS berufen. Aufgabe des PPS ist es im Wesentlichen, den Premier über
die Stimmungslage im Parlament und in der Fraktion zu informieren.
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Political Secretary: Die Position des Political Secretary wurde
1964 vom Labour-Premier Harold Wilson offiziell eingeführt. Ursprünglich
wurde dieser private Berater vom Parteiführer persönlich bezahlt.
Seit 1970 wird die Finanzierung des Beraters und seiner Mitarbeiter von
der Partei übernommen.
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Andere Berater (Advisers): Vor allem Thatcher hat auch auf Beratung
externer Berater zurückgegriffen. Viele Konzepte wurden im marktliberalen
Centre for Policy Studies (CPS), das Thatcher zsammen mit Keith Joseph
1974 gegründet hat, entwickelt. Thatcher nutzte auch in der Außenpolitik
den Rat von "my people", um Vorschläge des Foreign Office zu übergehen
und dabei dem Außenamt die Möglichkeit zu nehmen, die Behauptungen
der eigenen Berater selbst zu überprüfen (Kavanagh/Seldon 1999:
200).
Also: Besonderheit in Großbritannien ist das Fehlen einer systematischen
hierarchischen Kontrolle der Bürokratie. Margaret Thatcher hat darauf
in zweifacher Weise reagiert: Zum einen hat sie externen Rat eingefordert.
Zum anderen hat sie die Zahl und Bedeutung politischer Berater im Vergleich
zu Bürokraten im Civil Service erhöht.
Zurzeit Thatcher’s und Major’s waren politische Berater ausschließlich
im Political Office und in der Policy Unit vertreten (eine Beschränkung,
die unter Blair zugunsten verstärkten Einflusses politischer Berater
aufgegebenen wurde).
Rolle der Monarchie
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Privy Council: Staatsrat der Königin, dem u. a. alle Kabinettsminister
auf Lebenszeit angehören. Das Quorum für Beschlüsse besteht
aus nur drei Personen. Der Privy Council kann Ministerien umbilden und
Komissionen berufen. 1968 hat er sogar eine Pfundabwertung beschlossen
(Döhring 1993: 166-167).
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Formales Recht auf Parlamentseröffnung: Das Unterhaus kann nur tagen,
wenn die Sitzungsperiode von der Queen eröffnet wurde.
Deutschland
Artikel 65 GG: Verantwortungsverteilung in der Bundesregierung; Richtlinienkompetenz
des Bundeskanzlers
"Der Bundeskanzler bestimmt die Richtlinien der Politik und
trägt dafür die Verantwortung. Innerhalb dieser Richtlinien leitet
jeder Bundesminister seinen Geschäftsbereich selbständig und
unter eigener Verantwortung. Über Meinungsverschiedenheiten zwischen
den Bundesministern entscheidet die Bundesregierung. Der Bundeskanzler
leitet ihre Geschäfte nach einer von der Bundesregierung beschlossenen
und vom Bundespräsidenten genehmigten Geschäftsordnung."
Daraus folgt (Ellwein/Hesse 1997: 312-313):
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Kanzlerprinzip
-
Ressortprinzip
-
Kabinettsprinzip
Die Prinzipien entsprechen also im Grundsatz denen in GB und in fast allen
anderen Regierungen parlamentarischer Regierungssysteme. Im Gegensatz zu
GB werden aber in Deutschland alle zentralen Entscheidungen vom Kabinett
mit Stimmenmehrheit getroffen (GO BReg § 15). Das Kabinettsprinzip
ist also stärker ausgeprägt als in GB.
Beim Vergleich der jeweiligen Bedeutung des Ressortsprinzips bietet
es sich an, Koordinationsmechanismen zwischen den Ministerien zu vergleichen.
In Deutschland bestehen folgende Institutionen, die zu einer Koordination
der Ressortpolitiken beitragen können (vgl. Hesse/Ellwein 1997: 298):
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Bundeskanzler
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Kabinett
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Bundeskanzleramt
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ad-hoc-Ausschüsse
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ständige Kabinettsausschüsse
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Staatssekretärsausschüsse
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Koordinationsformen auf Beamtenebene
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informelle Willensbildungsprozesse
Hinzu kommen (eigentlich an vorderster Stelle, aber an der Stelle nicht
von Hesse/Ellwein erwähnt):
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Parteigremien
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Koalitionsausschüsse
Vergleich: Machtquellen
und Machthindernisse des Regierungschefs in Deutschland und in GB im Vergleich
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Britischer Premier
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Deutscher Bundeskanzler
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Machtquellen
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kann jederzeit Richtlinienentscheidungen treffen (dieses Recht beruht allerdings
nur auf Konventionen und ist nirgendwo verfassungsrechtlich verankert)
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weitreichende Patronagemacht
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Möglichkeit, Entscheidungen in selbst zusammengestellten Ausschüssen
zu fällen und vorzubereiten
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Kontrolle der Tagesordnung des Kabinetts
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Möglichkeit, das Unterhaus jederzeit aufzulösen
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Machtquellen
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formale Richtlinienkompetenz
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(eingeschränkte) Patronagemacht
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zumeist: gleichzeitig Parteivorsitzender (Partei kann aber auch als Problem
wirken)
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Möglichkeit, Einschränkungen etwa durch den Bundesrat zur Durchsetzung
eigener Ziele im Kabinett zu nutzen – und umgekehrt (u. a. als "Two-Level-Game")
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politische Führung der Bürokratie
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Vertrauensfrage
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Machthindernisse
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keine Machtquellen, die unabhängig von der Rolle des Premiers im Parlament
sind
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starke Abhängigkeit von politisch nicht kontrollierbarer (neutraler)
Bürokratie
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sehr kleiner persönlicher Mitarbeiterstab (kein richtiges Prime Minister’s
Department)
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Einschränkung bei der Ernennung von Ministern, da diese dem Unterhaus
angehören müssen
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Machthindernisse
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Einschränkungen bei inhaltlichen Entscheidungen und vor allem Personalentscheidungen,
da diese üblicherweise mit mindestens einem Koalitionspartner geklärt
werden müssen
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konstruktives Misstrauensvotum
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exekutive Kompetenzen des Bundesrates
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geringe Kontrolle über die Bürokratie in vielen Politikfeldern,
da diese nicht dem Bund, sondern den Ländern untersteht
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