Übung: Politische Systeme und Politik in Deutschland und
            Großbritannien, Dienstags 10-12 Uhr, GC 03/149

Leitung: Dr. Nils Bandelow, Sprechstunde Dienstags 13-14 Uhr, GC 04/149


Gesundheitspolitik unter Thatcher/Major und Kohl


Einführung
Gesundheitsreformen in Großbritannien unter Thatcher/Major
Gesundheitsreformen in Deutschland unter Kohl
Probleme des Vergleichs britischer und deutscher Gesundheitspolitik


Einführung
 

Gesundheitspolitische Ausgangslage in den 1980er und 1990er Jahren


Ziele der Gesundheitspolitik


Fragestellungen des Textes (Giaimo/Manow 1997: 175)

Zentrale Thesen des Textes (Giaimo/Manow 1997: 175-176)


Gesundheitsreformen in Großbritannien unter Thatcher/Major

  1. An der Spitze des NHS steht das Gesundheitsministerium (das zeitweise mit dem Sozialministerium verbunden war, vgl. zum folgenden Alber 1992: 554ff.). Das Ministerium erläßt Richtlinien, die sich an die Regionalbehörden richten. Bei seiner Politik wird das Gesundheitsministerium - wie andere britische Ministerien auch - von Interessengruppen beeinflußt, mit denen es durch "standing advisory committees" und durch "ad hoc working groups" und durch informelle Kontakte verbunden ist (Alber 1992: 575).
  2. Die Ausführung der Gesundheitspolitik obliegt den 14 Regional- und 192 Bezirksgesundheitsbehörden (Verwaltungen mit ehrenamtlichen Mitgliedern) In diesen Aufsichtgremien sind auch Ärzte vertreten. Die Mitglieder werden vom Ministerium ernannt.
  3. Die Ärzte haben sich bereits 1832 in der British Medical Association zusammengeschlossen. Im Gegensatz zur den deutschen Ärzteverbänden ist dieser Verband nicht im Rahmen eines Interessenkonfliktes mit Krankenkassen entstanden. Bis heute läßt sich bei den britischen Ärztevertretern eine geringere Konfliktbereitschaft und größere Kompromissfähigkeit als bei den deutschen Ärztevertretern nachweisen. (Alber 1992: 538). Im Gegensatz zu den deutschen Ärzten sind die britischen Ärzte nicht so organisiert, daß ihnen eine einheitliche Interessenartikulation gelingt. So war die Einführung des NHS nach dem 2. Weltkrieg nur möglich, weil die schlecht bezahlten und von überweisungen der Allgemeinmediziner abhängigen Fachärzte die Labour-Regierung gegen die GPs unterstützten. Die BMA organisiert also sehr heterogene Interessen. Ca. ein Drittel der Ärzte sind GPs (Schlußfolgerung aus Döhler 1990: 132 und Burau 1994: 20). GPs werden wesentlich (zu durchschnittliche 46%, Alber 1992: 590) nach Kopfpauschalen bezahlt und haben im Vergleich zu deutschen niedergelassen Ärzten eine eher bescheidene technische Ausstattung. Krankenhausärzte bekommen ein nur nach Seniorität gestaffeltes Festgehalt. Den Krankenhäusern obliegt die gesamte Facharztbehandlung.
  4. Die Gewerkschaften organisieren die Bediensteten des NHS und nehmen daher auf die Gesundheitpolitik Einfluss. Der Organisationsgrad ist hoch, aber die Interessenvertretung fragmentiert. Die Konkurrenz zwischen den Gewerkschaften bewirkt eine hohe Mobilisierung der Basis (Alber 1992: 581-583) Die Arbeitgeber, die an der Finanzierung des staatlichen Gesundheitssystems nicht beteiligt sind, sind ungleich unwichter für die Gesudnehitspolitik sind, als in Deutschland.


Ausgangslage der Reformen

- Konservative Alleinregierung
- hohe Effizienz bei geringer Effiktivität des NHS
- fehlende Verflechtung zwischen NHS und Konservativer Partei (Döhler 1990: 275f.)

Die Ziele der konservativen Regierung bezüglich der Gesundheitspolitik waren zuächst schwer auszumachen. Auf der einen Seite beteuerte M. Thatcher "The NHS is safe with us", auf der anderen Seite wurden Grundelemente des NHS wie die Steuerfinanzierung von konservativen Politikern bis in die Parteispitze hinein in Frage gestellt.
 

1. Phase 1979 bis 1982: "Strategische Suchphase" (Döhler 1990: 255)

In der ersten Phase kam es zu folgenden Reforminhalten:

· Auflösung des HSB (Döhler 1990: 240, Health Service Board, eine Art Regulierungskommission die von der Labour-Vorgängerregierung geschaffen worden war um den Anteil der Privatbetten reduzieren sollte; zwischen 1976 und 1980 wurden die Zahl der pay-beds von 3.444 auf 2.533 reduziert). Ziel der Konservativen war die Erhöhung des Anteils des Privatbettenbereichs. Dazu wurde gleichzeitig die Vertragsgestaltung der Krankenhausärzte liberalisiert. Bis 1980 durften nur teilzeitbeschäftigte Krankenhausärzte bei Gehaltsabschlag Privatpatienten behandeln. Nach der Reform durften das alle Ärzte, wobei der Gehaltsabschlag der teilzeitbeschäftigten Ärzte reduziert wurde.

· Entbürokratisierung und Dezentralisierung des NHS im parteienübergreifenden Konsens 1982. Dazu wurde die mittlere Ebene der 90 "Area Health Authorities" aufgelöst (vgl. auch die Schaubilder bei Alber 1990: 548f.). Zudem wurden die ca. 200 "District Management Teams" auf der untersten Ebene in "District Health Authorities" umgewandelt. Dabei wurde die Mitgliederzusammensetzung dieser Organe so geändert, dass die (oft von Labour beherrschten) Lokalverwaltungen zugunsten der Ärzte, Krankenschwestern und Gewerkschaften geschwächt wurden. Aus rückblickender Sicht am folgenreichsten sind die ersten Maßnahmen zur Einführung von unternehmerischen Elementen auf Ebene der DHAs zur werten. Den DHAs wurde zugestanden, eigene Einnahmequellen auf lokaler Ebene zu erschließen, z.B. durch Einrichtung von zusätzlichen pay-beds oder durch Vermietung von Werbe- und Verkaufsflächen (Döhler 1990: 252-254)

· (schwache) Erhöhung der Selbstbeteiligungen (1979 betrug der Anteil der Selbstbeteiligungen an den Finanzierungsquellen des NHS 2,1 Prozent, 1982 2,5% und 1988 2,8%); die Ausweitung der Selbstbeteiligungen betraf vor allem die stetige Anhebung der Arzneimittelgebühren und die Erhöhung der Selbstbeteiligung für zahnmedizinische Leistungen vom 19,7% (1979) auf 27,7% (1984)

· (zurückhaltende) Maßnahmen zur Stärkung des privaten Gesundheitssektors ("contracting out", vgl. Döhler 1990: 249-251). Bestimmte Dienstleistungen (z.B. Textilwäsche, Gebäudereinigung) wurden an Private vergeben.
 
 

In der ersten Phase gab es keine Reform des Finanzierungssystems und keine Kürzungen der Ausgaben des NHS. Auch die sonstigen Reformen waren nach Döhler vor allem symbolisch. Aus theoretischer Sicht ist die Döhlersche Deutung als "Suchphase" (1990: 255) interessant. Wenn man Veränderungen in Politikfeldern über längere Zeiträume erklären will, dann wird von Sabatier/Jenkins-Smith die Bedeutung von stetigen Lernprozessen der Politikeliten betont. Folgt man Döhler, so lassen sich zwischen 1979 und 1982 entsprechende Lernprozesse bei den Gesundheitspolitikern der konservativen Partei (Trial and Error) vermuten.
 

2. Phase 1982-1985: Einführung eines neuen Akteurs in das gesundheitspolitische Netzwerk

Im April 1985 wurden die FPCs von der Kontrolle der Area Health Authoroties gelöst und direkt dem Ministerium unterstellt. Gleichzeitig wurde eine Politivliste für Arzneimittel verabschiedet.

Insgesamt beurteilt kann die Phase von 1982-1985 als wichtige Vorarbeit gesehen werden, da die Struktur des gesundheitspolitischen Netzwerks entscheidend verändert wurde, ohne, dass die direkte ordnungspolitische Bedeutung der Reformen in dieser Phase allzu bedeutend gewesen wäre.
 

3. Phase 1985-1989: Einführung von Quasi-Märkten in der Gesundheitspolitik

Ausgangslage 1985-1987 (Döhler 1990: 291):

· Ungebrochene Popularität des NHS
· Fehlen einer "Kostenexplosion" im Gesundheitswesen, wie sie für andere OECD-Länder typisch war
· Fehlen einer innerparteilichen Mehrheit bei den Konservativen für radikale Reformen
 

Reformergebisse (Döhler 1990: 312):
  • Einführung interner Märkte ("Quasi-Märkte"): Im Krankenhausbereich durch die Einführung selbstverwalteter Krankenhäuser, die von der Kontrolle durch den NHS befreit werden und ihre Leistungen selbstständig nachfragen (z.B. die Arztgehälter selbst aushandeln).
  • Gleichzeitig gab aber nach (Giaimo/Manow 1997: 178-179) auch eine Stärkung der staatlichen Kontrolle. Diese liegt darin, dass die Spitzen der Krankenhaus-Treuhänderschaften und der regionalen und Distrikt-Gesundheitsbehörden vom Gesundheitsminister ernannt werden. Außerdem kontrolliert die Regierung die Krankenhausbilanzen. Die staatlichen Kontrollen sollen unter anderem dazu dienen, soziale Härten der neuen Wettbewerbsstrukturen zu vermeiden.

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    Es gibt im neuen System zwei Käufer von Gesundheitsleistungen:

    1) Die DHA (District Health Authority, Distrikt-Gesundheitsbehörde. Die DHAs bekommen ein gewisses Haushaltsvolumen zur Verfügung gestellt (wird an Größe und Merkmalen der zu versorgenden Bevölkerung ausgerichtet)

    2) Die GPs (Praktischen Ärzte) verwalten staatliche Zuschüsse (die Höhe soll sich and der "Praxispopulation", d.h. wohl Zahl und Risikostruktur oder Krankheitsfälle der eingeschriebenen Patientenorientieren; in der ersten Phase der Umsetzung wurde noch als Grundlage der Umfang vergangener Überweisungen genommen). Damit können die GPs im Namen ihrer Patienten sekundäre Gesundheitsleistungen (z.B. Krankenhausleistungen) kaufen


     

    Polity-Erklärungen für die britischen Reformergebnisse:

    · Regierungssystem zeichnet sich durch starke Machtkonzentration aus (Details siehe frühere Sitzungen

    · Staatliche Gesundheitswesen ermöglicht unmittelbarere Eingriffe in das System als bei Selbstverwaltung
     

    Politics- Erklärungen für die britischen Reformergebnisse:

    Gesundheitsreformen in Deutschland unter Kohl

    Ausgangslage

    Frühe Reformen: Die ersten Reformen wurden jeweils gegen den Willen der SPD-Opposition und in enger Kooperation mit den Interessengruppen durchgesetzt. Sie sahen weitgehend kurzfristige Kostendämpfungen (etwa durch erhöhte Selbstbeteiligungen oder Leistungskürzungen) vor, änderten aber wenig an den Strukturen der GKV.
     

    Bei Giaimo/Döhler wird ausschließlich das GSG von 1992 betrachtet. Es kam in einer parteiübergreifenden Koalition mit der SPD (SPD-geführte Regierungen besaßen die Mehrheit im Bundesrat) zusammen. Die Interessengruppen wurden bei der Beschlussfassung vergleichsweise wenig eingebunden.

    Zentrale Inhalte des GSG

    Letztlich wurde das GSG damit als relativ umfassende Strukturreform gewertet, die aber keine reine marktwirtschaftliche Lösung beinhaltet.
     

    Polity-Erklärungen:

    Politics-Erklärungen: Situative Erklärungen für eine umfassende Reform (GSG) trotz institutioneller Hindernisse


    Probleme des Vergleichs britischer und deutscher Gesundheitspolitik

    · Unterschiedliche Gesundheitssysteme macht Reforminhalte schwer vergleichbar

    · Ziele der Regierungsparteien unterscheiden sich wesentlich (Konservativen in GB sind noch marktgläubiger und haben keinen so starken Gewerkschaftsflügel wie deutsche CDU)

    · Die vielen Erklärungen bei polity und politics machen klare Zuordnungen von Ursache und Wirkung oft nur über sehr umfassende (und damit wenig informative) Ansätze möglich (etwa bei Döhler 1990, der mit einem Netzwerkkonzept arbeitet, in das sich fast alle politikwissenschaftlichen Ansätze integrieren lassen)