Übung: Politische Systeme
und Politik in Deutschland und
Großbritannien, Dienstags 10-12 Uhr, GC 03/149
Leitung: Dr. Nils Bandelow, Sprechstunde
Dienstags 13-14 Uhr, GC 04/149
Gesundheitspolitik unter Thatcher/Major
und Kohl
Einführung
Gesundheitsreformen in Großbritannien unter Thatcher/Major
Gesundheitsreformen in Deutschland unter Kohl
Probleme des Vergleichs britischer und deutscher Gesundheitspolitik
Einführung
Gesundheitspolitische Ausgangslage in den 1980er
und 1990er Jahren
-
Unterschiedliche Gesundheitssysteme: NHS vs. Sozialversicherung
-
Wahrnehmung einer Kostenexplosion im Gesundheitswesen in beiden Ländern,
in den frühen 1980er und frühen 1990er Jahren mit besonderem
Problemdruck durch wirtschaftliche Krisen
-
Problemanalyse: Fehlende Anreize zu wirtschaftlichem Handeln der Akteure
durch Rationalitätenfallen in beiden Systemen
Ziele der Gesundheitspolitik
-
In beiden Ländern: Dauerhafte Kostendämpfung durch strukturelle
Refermen der Gesundheitssysteme.
-
Aber: Laut Giaimo/Manow unterschiedliche Bereitschaft, die aus den USA
stammenden marktwirtschaftlichen Lösungen zu akzeptieren: "While British
policy-makers embarked upon the market, their German counterparts remained
decidedly cool, even hostile, to it (Giaimo/Manow 1997: 175).
Fragestellungen des Textes (Giaimo/Manow 1997:
175)
-
"First, why did British policy-makers espouse a market solution – along
with an apparent paradox of enhanced central government control – while
their German counterparts did not?"
-
"Second, how can we explain the success of both countries in passing major
reform legislation, given their very different political and health care
systems?
Zentrale Thesen des Textes (Giaimo/Manow 1997: 175-176)
-
Die unterschiedlichen Reformstrategien in Großbritannien und in Deutschland
basieren auf einer unterschiedlichen Möglichkeit, neoliberale Ideen
in den politischen Prozess einzubringen. Neoliberale Forscher haben in
GB mit ihren Ideen offene Türen der konservativen Regierung eingerannt.
In Deutschland stand diesen Ideen dagegen die sozialstaatliche und korporatistische
Tradition entgegen.
-
In beiden Ländern ist es zu grundlegenden Reformen gekommen, mit denen
der Widerstand mächtiger Interessengruppen im Gesundheitswesen überwunden
werden konnte. Dies war in GB – aufgrund der stärkeren Machtkonzentration
des Westminstersystems – eher zu erwarten als in D. (Zu beachten ist dabei,
dass Giaimo/Manow jeweils nur die zentralen Reformakte betrachten, nämlich
die NHS-Reform von 1989 und das GSG von 1992. Daneben gab es in beiden
Ländern verschiedene "kleinere" Reformen, die je nach theoretischer
Perspektive als gescheiterte Versuche für umfassende Reformen oder
als Vorarbeiten der betrachteten Strukturreformen gedeutet werden können)
Gesundheitsreformen
in Großbritannien unter Thatcher/Major
-
Das britische Gesundheitswesen wird fast ausschließlich vom 1948
eingeführten öffentlichen National Health Service bestimmt. Private
Versicherungen spielen nur eine unbedeutende Rolle. Auf kommunaler Ebene
wird der NHS durch freiwillige Leistungen (Hilfsvereine auf Gegenseitigkeit)
ergänzt. Der NHS wird zu etwa 83% durch Steuermittel und zu 12% durch
Beiträge zur Volksversicherung finanziert (Alber 1992: 570). Anrecht
auf Leistungen haben alle im UK wohnhaften Personen.. Geldleistungen der
National Insurance erhalten dagegen nur die dafür beitragspflichtigen
Arbeitnehmer und Selbständigen. Für Arzneimittel und zahn- und
augenärztliche Leistungen sowie für Brillen u.ä. gibt es
Selbstbeteiligungsregelungen.
-
Die Praktische Ärzte (general practitioners) waren die "Türwächter"
des Systems. Jeder potentielle Patient wandte sich zuerst an seinen GP.
Die GPs konnten frei Überweisen, waren aber faktisch durch die begrenzten
Kapazitäten der Krankenhäuser eingeschränkt.
-
Merkmale: System wenig effektiv, aber sehr effizient, hoher Versorgungsstand,
hohe Gleichmäßigkeit der Versorgung....Schwächen: lange
Wartelisten, schlechte Grundausstattung, wenig Wahlmöglichkeiten,
schlechter Service
-
Akteure des britischen Gesundheitswesens (Alber 1992): Gesundheitsministerium
(Aufgaben: Regulierung und Finanzierung); regionale Health Authorities
(DHA), Ärzte (wollen professionelle Autonomie, sonstige NHS-Bedienstete
(Einkommens- und Arbeitsplatzinteressen, sind wichtig für Koalitionen
mit entweder dem Staat oder den Ärzten):
-
An der Spitze des NHS steht das Gesundheitsministerium (das zeitweise
mit dem Sozialministerium verbunden war, vgl. zum folgenden Alber 1992:
554ff.). Das Ministerium erläßt Richtlinien, die sich an die
Regionalbehörden richten. Bei seiner Politik wird das Gesundheitsministerium
- wie andere britische Ministerien auch - von Interessengruppen beeinflußt,
mit denen es durch "standing advisory committees" und durch "ad hoc working
groups" und durch informelle Kontakte verbunden ist (Alber 1992: 575).
-
Die Ausführung der Gesundheitspolitik obliegt den 14 Regional-
und 192 Bezirksgesundheitsbehörden (Verwaltungen mit ehrenamtlichen
Mitgliedern) In diesen Aufsichtgremien sind auch Ärzte vertreten.
Die Mitglieder werden vom Ministerium ernannt.
-
Die Ärzte haben sich bereits 1832 in der British Medical Association
zusammengeschlossen. Im Gegensatz zur den deutschen Ärzteverbänden
ist dieser Verband nicht im Rahmen eines Interessenkonfliktes mit Krankenkassen
entstanden. Bis heute läßt sich bei den britischen Ärztevertretern
eine geringere Konfliktbereitschaft und größere Kompromissfähigkeit
als bei den deutschen Ärztevertretern nachweisen. (Alber 1992: 538).
Im Gegensatz zu den deutschen Ärzten sind die britischen Ärzte
nicht so organisiert, daß ihnen eine einheitliche Interessenartikulation
gelingt. So war die Einführung des NHS nach dem 2. Weltkrieg nur möglich,
weil die schlecht bezahlten und von überweisungen der Allgemeinmediziner
abhängigen Fachärzte die Labour-Regierung gegen die GPs unterstützten.
Die BMA organisiert also sehr heterogene Interessen. Ca. ein Drittel der
Ärzte sind GPs (Schlußfolgerung aus Döhler 1990: 132 und
Burau 1994: 20). GPs werden wesentlich (zu durchschnittliche 46%, Alber
1992: 590) nach Kopfpauschalen bezahlt und haben im Vergleich zu deutschen
niedergelassen Ärzten eine eher bescheidene technische Ausstattung.
Krankenhausärzte bekommen ein nur nach Seniorität gestaffeltes
Festgehalt. Den Krankenhäusern obliegt die gesamte Facharztbehandlung.
-
Die Gewerkschaften organisieren die Bediensteten des NHS und nehmen
daher auf die Gesundheitpolitik Einfluss. Der Organisationsgrad ist hoch,
aber die Interessenvertretung fragmentiert. Die Konkurrenz zwischen den
Gewerkschaften bewirkt eine hohe Mobilisierung der Basis (Alber 1992: 581-583)
Die Arbeitgeber, die an der Finanzierung des staatlichen Gesundheitssystems
nicht beteiligt sind, sind ungleich unwichter für die Gesudnehitspolitik
sind, als in Deutschland.
-
zentrale Konfliktlinie: Staat vs. Ärzte, wer vertritt die eigentlichen
Interessen der Patienten
Ausgangslage der Reformen
- Konservative Alleinregierung
- hohe Effizienz bei geringer Effiktivität des NHS
- fehlende Verflechtung zwischen NHS und Konservativer Partei (Döhler
1990: 275f.)
Die Ziele der konservativen Regierung bezüglich der Gesundheitspolitik
waren zuächst schwer auszumachen. Auf der einen Seite beteuerte M.
Thatcher "The NHS is safe with us", auf der anderen Seite wurden Grundelemente
des NHS wie die Steuerfinanzierung von konservativen Politikern bis in
die Parteispitze hinein in Frage gestellt.
1. Phase 1979 bis 1982: "Strategische Suchphase" (Döhler 1990:
255)
In der ersten Phase kam es zu folgenden Reforminhalten:
· Auflösung des HSB (Döhler
1990: 240, Health Service Board, eine Art Regulierungskommission
die von der Labour-Vorgängerregierung geschaffen worden war um den
Anteil der Privatbetten reduzieren sollte; zwischen 1976 und 1980 wurden
die Zahl der pay-beds von 3.444 auf 2.533 reduziert). Ziel der Konservativen
war die Erhöhung des Anteils des Privatbettenbereichs. Dazu wurde
gleichzeitig die Vertragsgestaltung der Krankenhausärzte liberalisiert.
Bis 1980 durften nur teilzeitbeschäftigte Krankenhausärzte bei
Gehaltsabschlag Privatpatienten behandeln. Nach der Reform durften das
alle Ärzte, wobei der Gehaltsabschlag der teilzeitbeschäftigten
Ärzte reduziert wurde.
· Entbürokratisierung und Dezentralisierung
des NHS im parteienübergreifenden Konsens 1982. Dazu wurde die mittlere
Ebene der 90 "Area Health Authorities" aufgelöst (vgl. auch die Schaubilder
bei Alber 1990: 548f.). Zudem wurden die ca. 200 "District Management Teams"
auf der untersten Ebene in "District Health Authorities" umgewandelt. Dabei
wurde die Mitgliederzusammensetzung dieser Organe so geändert, dass
die (oft von Labour beherrschten) Lokalverwaltungen zugunsten der Ärzte,
Krankenschwestern und Gewerkschaften geschwächt wurden. Aus rückblickender
Sicht am folgenreichsten sind die ersten Maßnahmen zur Einführung
von unternehmerischen Elementen auf Ebene der DHAs zur werten. Den DHAs
wurde zugestanden, eigene Einnahmequellen auf lokaler Ebene zu erschließen,
z.B. durch Einrichtung von zusätzlichen pay-beds oder durch Vermietung
von Werbe- und Verkaufsflächen (Döhler 1990: 252-254)
· (schwache) Erhöhung der Selbstbeteiligungen
(1979 betrug der Anteil der Selbstbeteiligungen an den Finanzierungsquellen
des NHS 2,1 Prozent, 1982 2,5% und 1988 2,8%); die Ausweitung der Selbstbeteiligungen
betraf vor allem die stetige Anhebung der Arzneimittelgebühren und
die Erhöhung der Selbstbeteiligung für zahnmedizinische Leistungen
vom 19,7% (1979) auf 27,7% (1984)
· (zurückhaltende) Maßnahmen
zur Stärkung des privaten Gesundheitssektors ("contracting out", vgl.
Döhler 1990: 249-251). Bestimmte Dienstleistungen (z.B. Textilwäsche,
Gebäudereinigung) wurden an Private vergeben.
In der ersten Phase gab es keine Reform des Finanzierungssystems
und keine Kürzungen der Ausgaben des NHS. Auch die sonstigen Reformen
waren nach Döhler vor allem symbolisch. Aus theoretischer Sicht
ist die Döhlersche Deutung als "Suchphase" (1990: 255) interessant.
Wenn man Veränderungen in Politikfeldern über längere Zeiträume
erklären will, dann wird von Sabatier/Jenkins-Smith die Bedeutung
von stetigen Lernprozessen der Politikeliten betont. Folgt man Döhler,
so lassen sich zwischen 1979 und 1982 entsprechende Lernprozesse bei den
Gesundheitspolitikern der konservativen Partei (Trial and Error) vermuten.
2. Phase 1982-1985: Einführung eines neuen Akteurs in das gesundheitspolitische
Netzwerk
-
(New) "Managerialism" (gab schon ähnliche Bestrebungen unter Edward
Heath): Übertragung von privatwirtschaftlichen Methoden auf die öffentliche
Verwaltung, insbesondere durch Einführung von Betriebsprüfungen,
die von Beamten aus anderen Sparten der Verwaltung mit dem Ziel der Findung
von Möglichkeiten der Effizienzsteigerung durchgeführt werden;
zudem Stärkung der ministeriellen Fachaufsicht
-
Ende 1982: Ernennung des neuen Sozialministers Norman Fowler (1982-1987)
-
Fowler richtete Anfang 1983 eine Beratungskommission ein, die schon im
Oktober 1983 ihren Bericht vorlegte. Unter Führung des Salisbury-Vorstandvorsitzenden
Ray Griffiths wurde dem NHS eine Reform hin zu den Strukturen eines privatwirtschaftlichen
Unternehmens verordnet. Dem Gesundheitsministerium sollte ein quasi-Verwaltungsrat
("NHS-Management Board") zur Seite gestellt werden, der wiederum durch
einen quasi-Aufsichtsrat ("Health Sevices Supervisory Board") kontrolliert
werden sollte. Die Vorschläge der Kommission wurden weitgehend umgesetzt,
allerdings siedelte man beide Gremien im Gesundheitsministerium an. Der
entscheidende neue Akteur, nämlich das NHS-Management-Board sollte
dem Ministerium unterstehen, da das Ministerium gegenüber dem Unterhaus
für die Führung des NHS verantwortlich sei. Döhler betont
aber, dass mit der Einrichtung des "Management Board" (das aus 6
Personen bestand, die anfangs mehrheitlich Bürokraten waren, Ende
der 80er Jahre aber im Verhältnis 3:3 zwischen Bürokraten und
Managern besetzt waren, ein neuer Akteur geschaffen wurde. Durch
den neuen Akteur veränderte sich das Machtverhältnis zwischen
den Akteuren: Der neue Akteur war Bestandteil der Auflösung der Veto-Positionen
regionaler Akteure und stärkte die Position des Zentrums gegenüber
der Peripherie. Außerdem veränderte sich die Anreizstruktur
des Managements. Nicht mehr Nächstenliebe, sondern Effizienz wurde
in den Mittelpunkt gestellt.Außerdem wurde bei der Einführung
des Manageent Board ein verändertes Handlungsmuster etabliert.
Dieser Politikstil zeichnete sich vor allem durch Umgeheung des Parlaments
und Aufwertung unabhängiger Berater aus. Im Gegensatz zu Deutschland
gab es also keine verfestigten Akteurs- und Machtstrukturen, so daß
die Ausgangslage für spätere Reformen verbessert wurde.
Im April 1985 wurden die FPCs von der Kontrolle der Area Health Authoroties
gelöst und direkt dem Ministerium unterstellt. Gleichzeitig wurde
eine Politivliste für Arzneimittel verabschiedet.
Insgesamt beurteilt kann die Phase von 1982-1985 als wichtige Vorarbeit
gesehen werden, da die Struktur des gesundheitspolitischen Netzwerks
entscheidend verändert wurde, ohne, dass die direkte ordnungspolitische
Bedeutung der Reformen in dieser Phase allzu bedeutend gewesen wäre.
3. Phase 1985-1989: Einführung von Quasi-Märkten in der
Gesundheitspolitik
Ausgangslage 1985-1987 (Döhler 1990: 291):
· Ungebrochene Popularität des
NHS
· Fehlen einer "Kostenexplosion"
im Gesundheitswesen, wie sie für andere OECD-Länder typisch war
· Fehlen einer innerparteilichen
Mehrheit bei den Konservativen für radikale Reformen
Reformergebisse (Döhler 1990: 312):
Einführung interner Märkte ("Quasi-Märkte"): Im Krankenhausbereich
durch die Einführung selbstverwalteter Krankenhäuser, die von
der Kontrolle durch den NHS befreit werden und ihre Leistungen selbstständig
nachfragen (z.B. die Arztgehälter selbst aushandeln).
Gleichzeitig gab aber nach (Giaimo/Manow 1997: 178-179) auch eine Stärkung
der staatlichen Kontrolle. Diese liegt darin, dass die Spitzen der Krankenhaus-Treuhänderschaften
und der regionalen und Distrikt-Gesundheitsbehörden vom Gesundheitsminister
ernannt werden. Außerdem kontrolliert die Regierung die Krankenhausbilanzen.
Die staatlichen Kontrollen sollen unter anderem dazu dienen, soziale Härten
der neuen Wettbewerbsstrukturen zu vermeiden.
Es gibt im neuen System zwei Käufer von Gesundheitsleistungen:
1) Die DHA (District Health Authority, Distrikt-Gesundheitsbehörde.
Die DHAs bekommen ein gewisses Haushaltsvolumen zur Verfügung gestellt
(wird an Größe und Merkmalen der zu versorgenden Bevölkerung
ausgerichtet)
2) Die GPs (Praktischen Ärzte) verwalten staatliche Zuschüsse
(die Höhe soll sich and der "Praxispopulation", d.h. wohl Zahl und
Risikostruktur oder Krankheitsfälle der eingeschriebenen Patientenorientieren;
in der ersten Phase der Umsetzung wurde noch als Grundlage der Umfang vergangener
Überweisungen genommen). Damit können die GPs im Namen ihrer
Patienten sekundäre Gesundheitsleistungen (z.B. Krankenhausleistungen)
kaufen
-
Anbieter von Gesundheitsleistungen sind die Krankenhäuser, welche
die staatliche Aufsicht verlassen durften.
Polity-Erklärungen für die britischen Reformergebnisse:
· Regierungssystem zeichnet sich
durch starke Machtkonzentration aus (Details siehe frühere Sitzungen
· Staatliche Gesundheitswesen ermöglicht
unmittelbarere Eingriffe in das System als bei Selbstverwaltung
Politics- Erklärungen für die britischen Reformergebnisse:
-
Einfluß rechtskonservativer "think tanks" auf Thatchers Politik
zu ungunsten der vorher starken Lobby. Zentral waren dabei das Institute
für Economic Affairs (IEA), dass Adam Smith Institut (ASI) und das
Centre for Policy Studies (CPS). Hinzu kamen Ideen von Alain Enthoven,
einem Gesundheitsökonomen der Stanford University (vgl. Giaimo/Manow
1997: 180)
-
Ähnlich wie beim deutschen GSG wurden die Verbände von der Politikformulierung
ausgeschlossen
-
Neuer Gesundheitspolitischer Akteur (NHS Management Board) hat Verfestigung
des Netzwerks verhindert
-
Verbindung zwischen Ärzteverband und Ministerium wurde durch andere
politische Themen und Verlauf der Reformdiskussion geschwächt
-
Policy Window durch öffentlichkeitwirksamen Kritk der Labour-Party
an der Finanzkrise des NHS
Gesundheitsreformen in Deutschland
unter Kohl
Ausgangslage
-
CDU/CSU-F.D.P.-Regierung
-
Kassenbeitragssätze werden als Problem der Lohnnebenkosten gesehen
Frühe Reformen:
-
Krankenhaus-Kostendämpfungsgesetz vom 22.12.1981
-
Kostendämpfungs-Ergänzungsgesetz vom 22.12.1981
-
Haushaltsbegleitgesetz 1983 vom 20.12.1982
-
Krankenhaus-Neuordnungsgesetz vom 20.12.1984
-
Gesundheitsreformgesetz (GRG) vom 20.12.1988
Die ersten Reformen wurden jeweils gegen den Willen der SPD-Opposition
und in enger Kooperation mit den Interessengruppen durchgesetzt. Sie sahen
weitgehend kurzfristige Kostendämpfungen (etwa durch erhöhte
Selbstbeteiligungen oder Leistungskürzungen) vor, änderten aber
wenig an den Strukturen der GKV.
Bei Giaimo/Döhler wird ausschließlich das GSG von 1992 betrachtet.
Es kam in einer parteiübergreifenden Koalition mit der SPD (SPD-geführte
Regierungen besaßen die Mehrheit im Bundesrat) zusammen. Die Interessengruppen
wurden bei der Beschlussfassung vergleichsweise wenig eingebunden.
Zentrale Inhalte des GSG
-
Organisationsreform der Krankenkassen (Einführung des kassenartenübergreifenden
Risikostrukturausgleichs, Neuordnung der Selbstverwaltung, Ausbau der Wahlrechte)
-
Reform der Krankenhausfinanzierung (Selbstkostendeckungsprinzip wird schrittweise
durch Fallpauschalen und Sonderentgelte ersetzt)
-
Positivliste für Arzneimittel (wurde vor der Umsetzung durch CDU/CSU
und F.D.P. gestoppt)
-
Grundlohnabindung auf regionaler Ebene bei den Kosten für die ärztliche
und zahnärztliche Versorgung sowie bei den Krankenhauskosten (Ausnahme:
tarifvertragliche Regelungen), den Kosten für stationäre Kuren
und den Verwaltungsausgaben der Krankenkassen (zeitlich begrenzt bis 1995)
-
Preismoratorium bei Arzneimitteln
-
Änderung der Selbstbeteiligungen bei Arzneimitteln (statt allgemeiner
Rezeptgebühr wird die Selbstbeteiligungshöhe an die Packungsgröße
gekoppelt)
-
Einschränkung der Zulassungfreiheit für Kassenärzte, ab
1999 gesetzliche Regelung der Bedarfzahlen und Altersgrenze für Kassenärzte
(68 Jahre),
-
Entfristung der Zulassung für die ehemaligen Polikliniken in den neuen
Bundesländern
-
Erweiterung der KAiG
Letztlich wurde das GSG damit als relativ umfassende Strukturreform gewertet,
die aber keine reine marktwirtschaftliche Lösung beinhaltet.
Polity-Erklärungen:
-
Geringe Machtkonzentration im deutschen Regierungssystem machte die Einbindung
der SPD nötig. Die parteiübergreifende Koalition führt dazu,
dass die Interessengruppen das für parlamentarische Regierungssysteme
zentrale Gegenmittel zu Regierungsentscheidungen – den Parteienwettbewerb
– nicht nutzen konnten
-
Durch strukturelle Veränderungen im deutschen Politikfeld Gesundheit
wurden Reformblockaden gelockert. Zu diesen Änderungen geöhrte
die Auflösung der alten Interessengemeinschaft von Pharmaindustrie
und Ärzteverbänden, die Interne Konkurrenz der Pharmaverbände
und der Ärzteverbände und die Auflösung der Interessenkoalition
von Krankenhäusern und Länderregierungen.
-
Keine umfassende Marktlösung durch sozialstaatliche und korporatistische
Traditionen in Deutschland
Politics-Erklärungen:
-
Weitgehender Ausschluss der Verbände von der Politikformulierung ausgeschlossen
-–die zentrale Rolle bei der Entscheidungsfindung spielten informelle Arbeitsgruppen
der Koalition und später übergreifend unter Einbezug der SPD-Opposition
Situative Erklärungen für eine umfassende Reform (GSG) trotz
institutioneller Hindernisse
-
Umfassende Finanzkrise nicht nur im Gesundheitswesen sondern auch in der
Gesamtwirtschaft
-
Führungskrise in der F.D.P. schwächte die Blockademöglichkeit
dieses kleineren Koalitionspartners gegen eine "große Sachkoalition"
Probleme des Vergleichs britischer
und deutscher Gesundheitspolitik
· Unterschiedliche Gesundheitssysteme
macht Reforminhalte schwer vergleichbar
· Ziele der Regierungsparteien unterscheiden
sich wesentlich (Konservativen in GB sind noch marktgläubiger und
haben keinen so starken Gewerkschaftsflügel wie deutsche CDU)
· Die vielen Erklärungen bei
polity und politics machen klare Zuordnungen von Ursache und Wirkung oft
nur über sehr umfassende (und damit wenig informative) Ansätze
möglich (etwa bei Döhler 1990, der mit einem Netzwerkkonzept
arbeitet, in das sich fast alle politikwissenschaftlichen Ansätze
integrieren lassen)