Ruhr- Universität- Bochum
Fakultät für Sozialwissenschaft
Übung: Einführung in die Politikwissenschaft
WS: 1999/ 2000
Veranstalter: Dr. Nils Bandelow
Thema: Korporatismusbegriff bei Schmitter und Lehmbruch
Referentin: Manuela Anacker

 

Korporatismusbegriff bei  Schmitter und Lehmbruch

 

Korporatismus:

"Der Begriff Korporatismus (auch Neo- Korporatismus, liberaler Korporatismus, demokratischer Korporatismus) bezeichnet die institutionalisierte und gleichberechtigte Beteiligung von gesellschaftlichen Verbänden an der Formulierung und Ausführung staatlicher Politik." (Czada, 1995: S.218)

 

Mitte der 70er Jahre entstand eine "dritte Welle" der Verbändeforschung

(50er Jahre klassischer Pluralismus, 60er Jahre Neo- Pluralismus), die eng mit dem Begriff des Korporatismus verbunden ist ("growth industry" der Interessenvermittlungsforschung).

Diese internationale Welle der Verbändeforschung lösten Phillip C. Schmitter und Gerhard Lehmbruch aus.

Jedoch haben beide im Kern eine unterschiedliche Herangehensweise.

 

Vorab : Schmitters Idealtypus in der Übersicht

Korporatismus Pluralismus

Begrenzte Anzahl

Mitgliedschaftszwang

Nichtkompetitiv

Hierarchisch geordnet

Funktional differenziert

Vielfalt

Freiwilligkeit

Kompetitiv

Nichthierarchisch

Fließende Grenzen und

Mehrfachmitgliedschaft

Staatliche Anerkennung

Repräsentationsmonopol

im Austausch gegen

Kontrolle der verbandlichen

Führungsauslese und

Interessenartikulation

Keinerlei staatliche

Begünstigung

Keine staatliche

Intervention in

Verbändeangelegenheiten

 

 

Merkmale der

Verbände

 

 

 

 

 

Merkmale der

Staat- Verbände-

Beziehungen

 

 (Czada, 1994 : S.45)

 

 

Schmitter : " Strukturelle Komponenten des gesellschaftlichen Korporatismus (im Gegensatz zum vordemokratischen Korporatismus) stehen im Vordergrund." (Schubert ,1996 : S.416- 417)

 

Lehmbruch : "Betont die prozessualen Komponenten der Absprache und Einbindung im liberalen (nicht autoritären) Korporatismus als zentrales Steuerungsinstrument keynesianischer Wirtschaftspolitik." (Schubert, 1996 : S. 417)

Lehmbruchs Konzept bezieht sich auf die gestiegenen und komplizierten Aufgaben eines Staates,

die durch ein effektiveres Zusammenarbeiten , ohne Störkomponenten , bewältigt werden können.

Sein mehrdimensionales Konzept ist auf die notwendigen Funktionsbedingungen korporatistischer Beziehungen gerichtet und hat folgende Voraussetzungen :

- die Produzenteninteressen sind in Dachverbänden organisiert

- Parteien- und Verbändesysteme sind miteinander vernetzt

- die Beziehungen zwischen Regierungen und den Verbänden verlaufen instituionalisiert

- Regierungen übernehmen die Gewährsträgerschaft

- Gewerkschaften nehmen in der Politikabstimmung eine Schlüsselstellung ein

 

Korporatistische Vereinbarungen kommen nur zustande, wenn einerseits die Regierungen über ausreichende Mehrheiten und fiskalpolitische Handlungsspielräume verfügen, um in Verhandlungen etwas anbieten zu können, und andererseits die Verbandsführungen gegenüber ihren Mitgliedern

über ausreichend Verpflichtungspotential verfügen um die getroffenen Vereinbarungen verbandsintern durchsetzen und nach außen einhalten zu können (neo- korporatistische Tauschhypothese).

(Schubert, 1996 : S. 417)

Literatur 

1.) Czada, Roland (1994) : " Konjunkturen des Korporatismus: Zur Geschichte eines Paradigmenwechesels in der Verbändeforschung" In: Streek, Wolfgang (Hg.) (1994) : Staat und Verbände, S. 37- 59.

2.) Czada, Roland (1995) : " Korporatismus" In : Nohlen, Dieter / Schultze, Rainer-Olaf (Hg.) :Lexikon der Politik, Band I Politische Themen

3.) Lehmbruch, Gerhard 1988: " Der Neokorporatismus der Bundesrepublik im internationalen Vergleich und die > > Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen < < " In: Gäfgen, Gerard (Hrsg.): Neokorporatismus und Gesundheitswesen.

4.) Schmitter, Philippe C. (1979) : Interessenvermittlung und Regierbarkeit, In : Alamann, Ulrich von/Heinze, Rolf G. (Hg.) : Verbände und Staat, Opladen : Westdeutscher Verlag, S. 92- 114.

5.) Schubert, Klaus (1995) : "Pluralismus versus Korporatismus" In : NOhlen, Dieter/Schultze, Rainer-Olaf (Hrsg.): Politische Theorien (Lexikon der Politik Band 1) München: Beck, 407-423.