Ruhr-Universität Bochum 16.01.2001
Fakultät für Sozialwissenschaften
Seminar: Modelle der Politikfeldanalyse
Dozent: Dr. Nils Bandelow
Referent: Christian Wehry
Der Advocacy-Koalitionsansatz
Der Advocacy-Koalitionsansatz von Paul Sabatier ist ein Netzwerkkonzept, das den Wandel von Policies als kollektiven Lernprozess interpretiert.
Wichtige Begriffe sind:
· Advocacy-Koalitionen bestehen aus Personen in unterschiedlichen Positionen, die ein spezifisches "Belief system" teilen und über längere Zeit einen durchschnittlichen Grad koordinierter Handlungen aufweisen.
· Ein "Belief system" ist ein Set von grundlegenden Wertvorstellungen, Kausalannahmen und Problemperzeptionen. "Belief systems" bestimmen die Richtung, in die eine Advocacy-Koalition versuchen wird, staatliche Programme zu bewegen.
· Policy-Subsysteme sind Akteursnetzwerke, die sich gewöhnlich in jeweils zwei bis vier Advocacy-Koalitionen gliedern.
· Policy Broker (z.B. Regierungschefs, Gerichte oder hohe Beamte) sind Vermittler zwischen den Advocacy-Koalitionen. Sie versuchen Konflikte einzudämmen und die Parteien für eine vernünftige Lösung zu gewinnen.
|
Hauptkern |
Policy-Kern |
Sekundäre Aspekte |
|
|
Charakteristische Merkmale |
Fundamentale normative und ontologische Axiome |
Fundamentale Policy- |
Instrumentelle Entscheidungen und Informationssuche, die notwendig sind für die Durchsetzung des Policy-Kerns |
|
Reichweite |
Erstreckt sich über alle Policy-Subsysteme |
Abhängig vom Subsystem |
Spezifisch für ein Subsystem |
|
Veränderbarkeit |
Sehr gering; ähnlich einer religiösen Konversion |
Schwierig, sie sind aber möglich, wenn die Erfahrung schwerwiegende Anomalien zeigt |
Verhältnismäßig leicht; dies ist der Gegenstand der meisten administrativen und legislativen Politik- |
Sabatier definiert policy-orientiertes Lernen "als relativ stabile Veränderung des Denkens oder von Verhaltensintentionen, die aus Erfahrungen resultieren. (...) Der analytische Ansatz geht davon aus, dass solch ein Lernen instrumentell ist, d.h., dass die Mitglieder verschiedener Koalitionen versuchen, die Welt besser zu verstehen, um ihre Policy-Ziele zu erreichen" (Sabatier 1993 121-122).
Koalitionsinternes Lernen findet problemlos und recht häufig über verschiedene Prozesse statt:
· Individuelles Lernen und Verhaltensänderungen
· Diffusion neuer Überzeugungen unter Indivduen
· Fluktuation von Individuen innerhalb einer Kollektivität
· Gruppendynamik wie die Polarisierung zwischen homogenen Gruppen
· Regeln für die Aggregierung von Präferenzen und die Förderung oder das Verhindern von Kommunikation zwischen Mitglieder.
Lernen über Koalitionen hinweg ist schwierig. Wenn jedoch eine oder beide Koalitionen aufgrund einer Debatte Policy-Kernaspekte oder zumindest wichtige sekundäre Aspekte aufgeben, so scheint dies ein Indikator für ein solches Lernen zu sein. Dazu müssen aber einige Bedingungen erfüllt sein.
· Beide Parteien müssen über ausreichende technisch-wissenschaftliche Ressourcen verfügen.
· Es muss ein relativ apolitisches Forum existieren, indem die Experten der jeweiligen Koalitionen gezwungen werden, sich wechselseitig zu konfrontieren.
· Die Bezugnahme auf quantitativ meßbare Indikatoren erleichtert policy-orientiertes Lernen.
· Probleme, die sich auf die natürliche Umgebung beziehen, eignen sich eher zum policy-orientierten Lernen als diejenigen, die sich auf soziale System beziehen.
Görlitz, Axel/Burth, Hans-Peter, 1998: Politische Steuerung. Ein Studienbuch. 2. Auflage. Opladen: Leske + Budrich.
Sabatier, Paul A. (Hrsg.), 1999: Theorie of the Policy-Process. Boulder/CO. Westview.
Sabatier, Paul A., 1993: Advocacy-Koalitionen, Policy-Wandel und Policy-Lernen: Eine Alternative zur Phasenheuristik?, in: Héritier, Adrienne: Policy-Analyse. Kritik und Neuorientierung. PVS-Sonderheft 24. Opladen: Westdeutscher Verlag, 116-148.
Sabatier, Paul A./Jenkins-Smith, Hank C., (eds.), 1993: Policy Change and Learning. An Advocacy Coalition Approach. Boulder/Co/San Francisco/Oxford: Westview.