Ruhr-Universität Bochum 09.01.01

Fakultät für Sozialwissenschaft

Sektion für Politikwissenschaft

WiSe 2000/01

Seminar: Modelle der Politikfeldanalyse

Dozent: Dr. Nils Bandelow

Thema: Problemdruck und situative Rahmenbedingungen – Die Erklärungsproblematik des Katastrophenparadoxes

Referent: Thorsten Wolk

 

1. Problemdruck und öffentliches Handeln

Ausgangsthese:

1.1 Das Katastrophenparadox: Das Verhältnis von Stimulus und Response

 

 

 

2. Erklärungsversuche des Katastrophenparadoxes mit Hilfe klassischer Policytheorien

2.1 Allgemeine Ansätze

Das Katastrophenparadox lässt sich somit aus der Sicht der Akteure erklären, welche rational nach Kosten/Nutzen Kalkülen im Rahmen ihres Spielraumes handeln. Siehe auch: "garbage can".

2.2 Die mögliche Logik hinter dem Paradox: Die Theorie der "kognitiven Dissonanz"

Je nach Wahrnehmungsform und –Verarbeitung der jeweils gegebenen Realität können Entscheidungen anders ausfallen und bisweilen sogar irrational erscheinen.Þ Insbesondere dann, wenn die psychische Stabilität des Betreffenden an diese spezielle Weltsicht gekoppelt ist, so z.B. beim Glauben an Gott. Diese muss man daher berücksichtigen, will man die Rationalität der Entscheidung nachvollziehen.

Ist man nicht in der Lage, eine Gefahr (plötzlicher Belastungsanstieg; strukturell langfristig bedingt) in angemessener Weise teilweise oder gar vollständig aus dem Weg zu räumen, wird das Problem daraufhin auch nicht wahrgenommen, woraufhin adäquate Maßnahmen ausbleiben. Sollte die zivilisatorische Belastung bei gleichzeitiger Steigerung, aber auch Stagnation der Handlungskapazitäten sinken, so ist von einer erhöhten Fähigkeit zur politischen Wahrnehmung und damit auch Handlungsfähigkeit auszugehen. Somit lässt sich die Entkoppelung von Stimulus und Response am Beispiel des Smogalarmes erklären.

2.3 Das garbage can – Theorem

Kennzeichnend für den Organisationstypus sind vier voneinander unabhängige, dynamische "Ströme", welche sie durchziehen:

    1. Probleme
    2. Lösungen
    3. Teilnehmer
    4. Wahlmöglichkeiten

Entgegengesetzt den Erwartungen vollzieht sich die Entscheidungsfindung nicht als rationale Suche nach Lösungen vor dem Hintergrund gegebener Probleme/Aufgaben/Präferenzen, welche ihrerseits linear angeordnet ist. Stattdessen existieren voneinander unabhängig Wahlmöglichkeiten, die nach Problemen Ausschau halten, Themen, welche nach Entscheidungssituationen Ausschau halten und Entscheidungsträgern die nach Arbeit Ausschau halten, etc.

All dies sammelt sich als Inhalt der "Mülltonne", wo sie ihrer Aktivierung harren. Im konkreten Fall kommt es nur dann zu einer Entscheidung, wenn sich alle vier Ströme kurzzeitig bündeln, d.h. sie zueinander kompatibel sind. Gelingt die Zusammenführung der Ströme zu einer konkreten Wahlmöglichkeit nicht, so ruht der Inhalt weiter in der "Mülltonne". Þ Bezogen auf das Katastrophenparadox könnte man demnach so argumentieren, dass sich die entscheidenden Ströme erst zu einem bestimmten, späten Zeitpunkt gekreuzt haben.

    1. Problemstrom: Er besteht aus sozialen, politischen und ökonomischen Indikatoren, Ereignissen (Unfälle, Krisen) und Rückmeldungen über misslungene Implementierungen. Hierzu müssen Probleme auch als solche wahrgenommen werden und Handlungsbedarf wecken.
    2. Policystrom: Gleicht einer "Ursuppe", in welcher Gesetzesvorlagen, Reden oder Entwürfe treiben, sich mit anderen verbinden und im Laufe der Zeit zu konkreten Vorschlägen heranreifen. Erfüllen sie dann auch noch eine Reihe von Kriterien (Finanzierbarkeit, Umsetzbarkeit, etc.) werden sie selektiert und erlangen Bedeutung.
    3. Politicsstrom: Er ist das Resultat aus Schwankungen der nationalen Stimmung, der Wahlergebnisse, Verwaltung, ideologischen sowie die parteipolitischen Veränderungen im Kongress und der Lobbyaktivität der Interessensgruppen.

Ergibt sich nun eine Gelegenheit zur Durchsetzung bestimmter Inhalte, sich also ein sog. "Policy-Window" öffnet, kommt es zu einer Kopplung der drei Ströme. Das Problem wird daraufhin wahrgenommen und gelangt auf die Agenda, womit sich die Chance für den Eintritt öffentlichen Handelns ergibt.

3. Situative Bedingungen

    1. Wandel in den sozioökonomischen Bedingungen
    2. Wandel in der öffentlichen Meinung (Unterscheidet sich die Medienwahrnehmung von der in der Politik?)
    3. Wandel in der regierenden Koalition (Kapazitätsproblematik)
    4. Policy-Entscheidungen und –Auswirkungen aus anderen Subsystemen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literatur:

Czada, Roland/Czada, Heidi, Friedrich (1990): "Aids als politisches Konfliktfeld und Verwaltungsproblem." In: Rosenbrock, Rolf/Salmen, Andreas (Hg.): Aids-Prävention. Berlin.

Görlitz, Axel/Burth, Hans-Peter (1998): Politische Steuerung. Ein Studienbuch. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Opladen.

Prittwitz, Volker von (1994): Politikanalyse. Opladen.

Prittwitz, Volker von (1993): "Katastrophenparadox und Handlungskapazität. Theoretische Orientierungen der Politikanalyse." In: Héritier, Adrienne (Hg): Policy-Analyse. Kritik und Neuorientierung. Politische Vierteljahresschrift. Sonderheft 24/1993. Opladen.

Ruß-Mohl, Stephan (1993): "Konjunkturen und Zyklizität in der Politik: Themenkarrieren, Medienaufmerksamkeits-Zyklen und "lange Wellen". In: Héritier, Adrienne (Hg): Policy-Analyse. Kritik und Neuorientierung. Politische Vierteljahresschrift. Sonderheft 24/1993. Opladen.

Sabatier, Paul A. (1993): "Advocacy-Koalitionen, Policy-Wandel und Policy-Lernen: Eine Alternative zur Phasenheuristik." In: Héritier, Adrienne (Hg): Policy-Analyse. Kritik und Neuorientierung. Politische Vierteljahresschrift. Sonderheft 24/1993. Opladen.